Muralt, Leonhard von

geb. am 17. Mai 1900 in Zürich, Schweiz, gest. am 2. Oktober 1970 in Cavalaire (bei St. Tropez), Frankreich; Historiker, seit 1940 ord. Professor für Neuere und neueste Geschichte und Schweizer Geschichte an der Universität Zürich.

Leonhard von Muralt entstammte einer in den 1550er Jahren aus Glaubensgründen aus Locarno vertriebenen Familie, die in Zürich bald nach ihrer Vertreibung in den Kreis der Führungsschicht aufgestiegen war. Von 1919 bis 1925 studierte er an den Universitäten Genf und vor allem Zürich, wo ⇒ Walther Köhler als Lehrer einen bestimmenden Einfluss auf Muralt ausübte. Er wies ihm den Weg zur Reformationsgeschichte und auch zum Werk Leopold v. Rankes, dessen Vorbild (personalisierende, dezidiert im subjektiven Urteil verankerte Geschichtswissenschaft) für Muralt bestimmend bleiben sollte. Köhler lebte ihm die Vereinbarkeit von Glaubensgewissheit und Wissenschaft vor. Muralts Glaube blieb zeitlebens stark der zwinglianisch-reformierten Tradition seiner Vaterstadt verpflichtet.

Leonhard von Muralt promovierte mit einer 1926 erschienenen Dissertation über die Badener Disputation von 1526. Im Jahr 1930 habilitierte er sich auf der Basis des gewichtigen Aufsatzes Stadtgemeinde und Reformation in der Schweiz. Im selben Jahr übernahm er von Walther Köhler für die nächsten vier Jahrzehnte die Redaktion der Zeitschrift Zwingliana, 1938 auch den Vorsitz des Zürcher Zwinglivereins. 1940 wurde er als Nachfolger Ernst Gagliardis ord. Professor an der Universität Zürich.

Während des Zweiten Weltkrieges wandte sich Muralt neben der Reformationsgeschichte auch dem Werk Niccolo Machiavellis zu und identifizierte sich bis weit in die Nachkriegszeit hinein mit dessen Suche nach der richtigen politischen Ordnung. Daneben beschäftigte er sich in seinen späteren Jahren auch in verschiedenen Beiträgen mit Bismarck, den er restaurativ mit Hinweis auf dessen tiefe protestantische Frömmigkeit gegen neuere, kritische Interpretationen in Schutz zu nehmen versuchte. Zentral blieb jedoch zeitlebens die Beschäftigung mit der Reformationsgeschichte, deren archimedischer Punkt das Wirken des Zürcher Reformators ⇒ Huldrych Zwingli war.

Ab den späten 1920er Jahren war Muralt mit der Sammlung von Quellen zur Geschichte der schweizerischen Täufer beschäftigt, tatkräftig unterstützt durch seine Ehefrau Margareta von Muralt-Baumgartner. Diese langwierige Tätigkeit sollte erst 1952 ihren Abschluss in den gemeinsam mit Walter Schmid herausgegebenen Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz finden. Dieses Werk blieb bis 1973 die einzige Quellenedition zur Geschichte des schweizerischen Täufertums im 16. Jahrhundert.

Die vergleichsweise wenigen, mit einer Ausnahme kleineren Publikationen Muralts zur Täufergeschichte fallen in die 1930er Jahre. 1938 veröffentlichte er Glaube und Lehre der schweizerischen Wiedertäufer in der Reformationszeit, eine Schrift, die „das Verständnis für diese früher vornehmlich unter staatspolitischen Gesichtspunkten abgeurteilte Seitenbewegung der Reformation prinzipiell vertieft“ (Peter Stadler). Nach 1938 ist nur noch 1952 ein Artikel über die Täufer von Zollikon erschienen (Zolliker Bote 51/52, 1952), wenngleich das Täufertum im postum publizierten reformationsgeschichtlichen Überblick im Handbuch der Schweizer Geschichte (1972) auch gebührende Berücksichtigung fand.

Veröffentlichungen (Auswahl)

Die Badener Disputation 1526, in: Quellen und Abhandlungen zur schweizerischen Reformationsgeschichte, hg. vom Zwingliverein in Zürich, Bd. III, Leipzig 1926. - Stadtgemeinde und Reformation in der Schweiz, in: Zeitschrift für schweizerische Geschichte 10, 1930, 349-384. - Mit Walter Schmid, Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz, Zürich 1952-2008. - Glaube und Lehre der schweizerischen Wiedertäufer in der Reformationszeit, 101. Neujahrsblatt zum Besten des Waisenhauses in Zürich für 1938, Zürich 1938. - Die Täuferbewegung in Zollikon, in: Zolliker Bote 51/52, 1952. - Renaissance und Humanismus, in: Handbuch der Schweizer Geschichte, Bd. 1, Zürich 1972, 389-570.

Literatur

Edgar Bonjour, Art. Muralt, Leonhard von, in: Historisches Lexikon der Schweiz, noch nicht erschienen, online unter: ⇒ http://hls-dhs-dss.ch/textes/d/D10761.php 13.08.2009]. - Helmut Meyer, Leonhard von Muralt als Reformationshistoriker, in: Zwingliana 27 (2000), 15-24. - Peter Stadler, Leonhard von Muralt. Nachruf in: Historische Zeitschrift 212, 1971, 254-257. -

Bibliographie

in: Leonhard von Muralt, Der Historiker und die Geschichte. Ausgewählte Aufsätze und Vorträge, Zürich 1960, 339-352; Nachtrag für die 1960er Jahre in: Festgabe Leonhard von Muralt zum siebzigsten Geburtstag, Zürich 1970, S. 321-324. - Hinweise auf postum erschienene reformationsgeschichtliche Publikationen in: Helmut Meyer, Leonhard von Muralt als Reformationshistoriker (s.o.).

Kaspar v. Greyerz

 
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