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Philips, Obbe

geb. um 1500 in Leeuwarden (Friesland), Niederlande, gest. 1568 in Rostock (Deutschland); Anführer der Täufer.

Obbe Philips war einer der wichtigsten Anführer der Täufer in Frühzeit ihrer Bewegung. Er wurde als einer von zwei Söhnen eines katholischen Priesters (wohl Heer Philippus, Vikar von Cammingaburen) geboren. Sein Bruder war ⇒ Dirk Philips. Obbe Philips ließ sich im medizinischen Beruf ausbilden und wurde Barbier-Chirurg. Er scheint vom täuferischen Prediger ⇒ Melchior Hoffman fasziniert gewesen zu sein, als dieser sich 1532 in Leeuwarden aufhielt. Nachdem der Prophet nach Straßburg zurückgekehrt war, blieb Obbe in regelmäßiger Verbindung mit den Melchioriten in →Straßburg, selbst in der Zeit, als Hoffman eingekerkert war. Philips Beziehung zur frühen melchioritischen Bewegung begann, als Hoffman einen zweijährigen Aufschub der Taufe propagierte, deshalb wurde Philips erst im Dezember 1533 von zwei Anhängern des Jan Matthijs, Bartholomäus Boekbinder und Willem Cuyper, getauft. Am Tag nach seiner Taufe wurde er zum Ältesten ordiniert. So vollzog Obbe Philips den Übergang von Hoffmans Führung zur Führung des Jan Matthijs offensichtlich ohne größere Schwierigkeiten.

Bald jedoch wurde Leeuwarden für die Melchioriten zu gefährlich, so dass Philips nach Holland aufbrach, wo er die meiste Zeit in Amsterdam lebte, aber auch in anderen Städten wie Delft und in dem Groninger Gebiet von Ommelanden zu Beginn des Jahres 1535 auftauchte: Während dieser Zeit, als das niederländische Täufertum auf die Anfänge des Reiches Christi in →Münster blickte, war er gemeinsam mit Hans Scheerder ein wichtiger Täufer. Sein Name erschien in den Geständnissen einiger gefangen genommener Täufer als Anführer oder Täufer. Er spielte auch eine wichtige Rolle in der Auswahl der melchioritischen Anführer, indem er einige ordinierte, wie seinen jüngeren Bruder Dirk Philips, David Joris (im September 1534) und Menno Simons (1536/1537). Leider hinterließ Obbe Philips keine uns bekannten Schriften, die seiner täuferischen Aktivität entstammt hätten. Wir müssen sein Leben und seine Gedanken von einer sehr viel späteren Schrift her deuten, seinen Bekenntnissen, die Jahre nach seinem Abfall von der täuferischen Bewegung 1539/40 entstanden waren. Dieses sich selbst rechtfertigende Bekenntnis spielt das Ausmaß dessen herunter, wie sehr er von den münsterschen Erwartungen ergriffen worden war, aber es gibt zeitgenössische Hinweise auf das Gegenteil, so Geständnisse gefangener Täufer wie auch die Bemerkungen des Stellvertreters von David Joris, ⇒ Nicholas Meyndertsz van Blesdijk.

Diese Hinweise legen die Vermutung nahe, dass Obbe Philips im Januar 1535 an dem Auflauf von hunderten von Täufern auf einem Bauernhof in der Nähe von t´Zandt (Groningen) teilnahm, um den Sendboten aus Münster zuzuhören und zu erwägen, selber dorthin, in die Stadt Gottes, zu ziehen. Obbe hatte in der Gegend getauft, und Zeitgenossen wussten ihn in der Menge, die in t´Zandt zusammengekommen war. Als die nüchternen Diskussionen aus dem Ruder gelaufen waren und Cornelis int Kershof sich unter dem Einfluss von Bier dazu verstiegen hatte, sich als „Gottes Sohn“ auszurufen und den Propheten Herman Schoemaker als seinen göttlichen „Vater“ anzusprechen, wurde der Bann dieses Zaubers schnell von der Nachricht gebrochen, dass Truppen des Statthalters im Anmarsch seien, und alle Anwesenden sich zerstreuten. Sicherlich war Obbe Philips, wie die meisten niederländischen Täufer, von apokalyptischer Erregung und Erwartung jener Tage ergriffen worden. Obwohl er mäßigend zu wirken versuchte, gibt es keinerlei Hinweise, die seine spätere Bestreitung bestätigen, er habe sich gegen die Militanz der Münsteraner zu dieser Zeit heftig zur Wehr gesetzt. Fast unmittelbar nach diesem Debakel wurde Obbe Philips entdeckt, als er eines der Stadttore Groningens passierte, und er wurde in Haft genommen. Er saß ein Jahr lang im Stadtgefängnis, schließlich aber gelang es Freunden, ihn zu befreien. Die Erfahrungen mit den lächerlichen Visionären von t´Zandt, der Niedergang des Täuferreichs zu Münster und seine Gefangennahme ließen Obbe Philips der Militanz und dem Vertrauen auf Visionen absagen. Als die militanten und die friedfertigen Täufer zu dem wichtigen Treffen in Bocholt 1536 eingeladen wurden, weigerten sich Obbe und sein Bruder Dirk Philips, daran teilzunehmen, weil sie ein Attentat der Batenburger befürchteten. So war ⇒ David Joris schließlich der einzige wirklich friedfertige Anführer in Bochholt. Er konnte sich mit seinem Kompromiss zwar kurzfristig durchsetzen, auf längere Sicht aber war er gescheitert.

Nach dem Niedergang des Täuferreichs zu Münster konzentrierte sich die Gruppe um Obbe Philips, Obbeniten genannt, auf das Bemühen, die Kirche mit geistlichen und nicht mit irdischen Mitteln zu errichten und das Reich Gottes nicht auf Erden anzustreben. Ansonsten blieb die Theologie ganz in der Nähe Hoffmans, obwohl Obbe Philips Hoffmans Methode der Schriftauslegung ablehnte. Sogar militante Täufer, wie Gerdt Eilkeman und Dirk Schomecker, merkten in ihren Geständnissen aus der Mitte der vierziger Jahre an, dass es eine Sekte der Obbeniten gegeben habe, die sich der Gewaltanwendung der Batenburger widersetzte. Schoemeker gab zu, von Obbe getauft worden zu sein, aber diese friedfertige Sekte verlassen habe, um sich den Batenburgern anzuschließen.

Obbes persönliche Krise erreichte ihren Höhepunkt gegen Ende des Jahres 1539, obwohl seine Zweifel an seiner eigenen Berufung und geistlichen Autorität schon seit längerer Zeit in ihm brodelten. Als er das seinen Kollegen, Dirk Philips und ⇒ Menno Simons erläuterte, meinte er schließlich, dass auch deren Berufung zu Ältesten ungültig sei. Dafür wurde er im Frühjahr 1540 mit dem Bann belegt. In seinen späteren Bekenntnissen brachte er seine Befürchtung über die Tatsache zum Ausdruck, er wüsse nicht, wer eigentlich Hoffman selbst zu dessen Sendung beauftragt habe, da es keine gültigen Herkunftserweis für die Autorität irgendeines Melchioriten gäbe. Er fühlte sich beschämt darüber, dass er selber andere zum Dienst beauftragt habe. Seine abwertenden Bemerkungen zu seiner Verwicklung in der apokalyptisch-militanten Phase der melchioritischen-mennonitischen Bewegung und seine Beteuerungen, dass er und seine Anhänger von Anfang an nichts anderes gewollt hätten, als der Welt abzusagen und „Gott in aller Stille zu dienen nach der Art der Väter und Patriarchen“, bestärkt den Eindruck, dass ein spiritualistischer Grundzug in seinem Denken von Anfang an wirksam war.

Nach seinem Abfall vom Täufertum zog Obbe Philips nach Rostock, nahm dort den Namen Albrecht an und praktizierte wieder als Barbier-Chirurg bis zu seinem Tod im Jahre 1568. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass er wieder in den Schoß der alten Kirche zurückgekehrt sei und alles spricht dafür, dass seine Überzeugungen weiterhin spiritualistisch ausgerichtet waren. Um die Zeit, als seine Bekenntnisse (um 1560) entstanden, war er zweifellos ein Spiritualist in der Art ⇒ Sebastian Francks, indem er sich von jeglichem Bekenntnis und Glaubensdogma fernhielt. Mehr ist von Obbe Philips für die letzten Jahre nicht bekannt. Während eine Gruppe seiner Anhänger in Mecklenburg höchstwahrscheinlich noch bis 1552 bestand, erlosch seine identifizierbare Sekte allgemein mit seinem Abfall. Seine Zweifel an der Berufung und der äußerlichen Religiosität machten den Mennoniten aber noch lange zu schaffen.

Schriften

Samuel Cramer (Hg.), Bekentenisse Obbe Philipsz, in: Bibliotheca Reformatoria Neerlandica VII. Den Haag Martinus, 1903ff., VII, 91-138. - A Confession by Obbe Philips, in: George H. Williams und Angel M. Mergal (Hg.), Spiritual and Anabaptist Writers, Philadelphia, Pa., 1957, 204-25.

Literatur

Geoffrey Dipple, The Spiritualist Anabaptists, in: John D. Roth und James M. Stayer (Hg.), A Companion to Anabaptism and Spiritualism, 1521-1700, Leiden 2007, 257-97. - Cornelius Krahn, Dutch Anabaptism. The Hague, 1968. - W. J. Kühler, Geschiedenis der Nederlandsche Doopsgezinden in de zestiende eeuw. Haarlem, 1932. - Christiaan Lievestro, Obbe Philips and the Anabaptist Vision, in: Mennonite Quarterly Review 41, 1967, 99-115. - Albert F. Mellink, De Wederdopers in de noordelijke Nederlanden 1531-1544. Groningen, 1954. - Leonard Verduin, An ancient version of Obbe Philips‘ ‚Confession‘, in: Mennonite Quarterly Review, 21, 1947, 120-122. - Samme Zijlstra, Om de ware gemeente en de oude gronden: Geschiedenis van de dopersen in de Nederlanden 1531-1675. Hilversum 2000. -Samme Zijlstra, Nicolaas Meyndertsz. Van Blesdijk: Een bijdrage tot de geschiedenis van het Davidjorisme. Assen 1983.

Gary K. Waite

 
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