Séguy, Jean

geb. am 3. Mai 1925 in Bône, Algerien, gest. am 9. November 2007 in Paris, Frankreich; Religionssoziologe und Erforscher der französischen Mennoniten.

Jean Séguy gehört zu den französischen Soziologen, die religionssoziologische und gesellschaftswissenschaftliche Forschungen ⇒ Max Webers und ⇒ Ernst Troeltschs in Frankreich und im französischsprachigen Raum bekannt gemacht haben. Er hat erheblich zur gesellschaftlichen Anerkennung der Täufer, Mennoniten und Freikirchen beigetragen. Schon 1956 arbeitete er über die protestantischen „Sektenbildungen“, insbesondere über die Mennoniten. Was Mennoniten, ihre Herkunft und ihre Einflüsse betrifft, leitete seine Arbeit eine Wende in der französischen Geschichtsschreibung ein.

Seinen Wehrersatzdienst (Coopération) leistete Séguy im Ausland ab: in Algerien, England und Ägypten, wo er Französischunterricht erteilte. Danach besuchte er die École Pratique des Hautes Etudes in Paris. Dort nahm er ein religionswissenschaftliches Studium in seiner Vielfalt der Aspekte auf und erwarb zum Abschluss ein Zertifikat der Religionsgeschichte. Seit 1960 arbeitete er im Centre National de Recherche Scientifique in Paris. Sein besonderes Interesse galt den Nonkonformisten im Protestantismus und im Katholizismus, dessen religiöse Orden mit ihrer Spiritualität und ihren geistigen Gaben dazu anregen, nach ökumenischen Ähnlichkeiten zwischen beiden Ausdrucksformen der Nonkonformität zu suchen.

Seine umfangreiche Dissertation verteidigte er 1970 an der Sorbonne (Paris) und veröffentlichte sie 1977 unter dem Titel Les assemblées anabaptistes-mennonites de France (904 Seiten). Sie behandelt die Geschichte der Täufer und Mennoniten bis zur französischen Revolution (1789), ebenso die Organisation der Mennonitengemeinden und ihr religiöses Leben. Behandelt werden auch die Folgen der französischen Revolution, die sich zum Beispiel in der Emigration von Mennoniten nach Nordamerika zeigten, aber auch in der langsamen und stetigen Assimilation der Zurückgebliebenen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bedeutung der Erweckung in den Mennonitengemeinden und deren religiöse und soziologische Analyse bis etwa 1970. Im Anhang werden zahlreiche Dokumente abgedruckt.

Séguy war von 1960 bis 1993 Mitglied in der Groupe de Sociologie des Religions (Gruppe der Religionssoziologie) und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (Hochschule der Sozialwissenschaften) von 1966 bis 1990. Er war auch Direktor und Hauptschriftleiter der Zeitschrift Archives de Sciences Sociales des Religions von 1981 bis 1988 und Forscher im Centre National de Recherche Scientifique, einer staatlichen Forschungseinrichtung.

Akademiker wie Jean Séguy haben die Gründung des mennonitischen Geschichtsvereins in Frankreich, der Association Française d’Histoire Anabaptiste Mennonite, sehr begrüßt, begleitet und unterstützt. Die Arbeit Séguys veränderte die Wahrnehmung der Mennoniten nach außen und nach innen. Nach außen widerlegte sie die traditionelle Geschichtsschreibung, die in den Mennoniten zu Vernunft gekommene Anarchisten oder Nachkommen der Täufer in Münster (Westfalen) sah. Nach innen trug seine Arbeit dazu bei, dass die französischen Mennoniten ihr Erbe, bis dahin eher als negativ empfunden, schätzen lernten.

Pierre Widmer vermittelte ab Mai 1956 zwischen dem Soziologen und den französischen Mennoniten. Von 1964 bis 1967 schrieb Séguy zahlreiche Beiträge über die Geschichte der Täufer in Frankreich in Christ Seul, der monatlich erscheinenden Zeitschrift der französischen Mennoniten. Insgesamt hat Séguy etwa sechzig Artikel oder Broschüren über dieses Thema veröffentlicht.

Seine Bescheidenheit, sein kritischer Abstand, seine Gastfreundschaft und sein Wohlwollen, gepaart mit seinem Glauben, waren ermutigend für viele Mennoniten. Seine Forschungen haben erheblich zu einem differenzierteren Verständnis des Katholizismus, der Ökumene (im Anschluss an die Forschungen der Soziologen Peter Berger und Bryan Wilson) und der prophetischen und messianischen Erscheinungen beigetragen. So haben sie die Vielschichtigkeit des religiösen Phänomens hervorgehoben. Séguy verstand es, eine nur politisch orientierte Interpretation zu vermeiden und die religiöse Dynamik herauszuarbeiten, die sich aus der eschatologischen Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“ ergibt.

Veröffentlichungen

Les assemblées anabaptistes-mennonites de France, Paris und La Haye 1977. - Des sectes : Lettre ouverte aux éditeurs de dictionnaires et d’encyclopédies , in: Souvenance anabaptiste / Mennonitisches Gedächtnis, Bulletin annuel de l’Association Française d’Histoire anabaptiste-mennonite, Nr. 14, 1995, 24-28. - Christianisme et société. Introduction à la sociologie de Ernst Troeltsch, Paris, 1980. - Conflit et utopie ou réformer l’Eglise. Parcours wébériens en douze essais, Paris, 1999.

Nachruf

Marc Lienhard, Zur Erinnerung an Jean Séguy, in : Mennonitische Geschichtsblätter 2008, 347 f.

Claude Baecher

 
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