Hutterische Bruderhöfe

Hutterische Bruderhöfe bestanden seit dem 16. Jahrhundert, als sich in Mähren immer mehr →Täufer ansiedelten, die aufgrund der harten Verfolgung, besonders in Tirol, eine neue Heimat suchten. Trotz einiger Krisen erhielt sich das hutterische Modell eines Lebens in →Gütergemeinschaft über die Frühe Neuzeit hinaus, erfuhr eine Renaissance im 19. Jahrhundert und bildet bis heute die Grundlage für das Leben der Hutterer in Kanada und in den USA.

1. Anfänge der Gütergemeinschaft in Tirol und Mähren

Wie die anderen täuferischen Gruppen vertraten die Hutterer die Erwachsenen- oder Glaubenstaufe (→Taufe II) und die →„Absonderung von der Welt“. Sie verweigerten den →Eid und verfolgten ein Leben in →Wehrlosigkeit. Ein spezifisch hutterischer Grundsatz war die Gütergemeinschaft, die am Anfang vor allem der Versorgung mittelloser Flüchtlinge diente und weniger als theologisch-biblisches Gebot umgesetzt wurde. In Tirol verhinderte die harte Verfolgung das Leben in enger Gemeinschaft; ein Mindestmaß wurde lediglich durch eine gemeinsame Kasse erreicht, die ein „Säckelmeister“ verwaltete. Erst in Mähren konnte der Tiroler Jakob →Huter, der zum eigentlichen Organisator der hutterischen Gemeinde wurde, nach dem Vorbild der „Stäbler“ unter Jakob Wiedemann, die im Unterschied zu den „Schwertlern“ wehr- und gewaltlos in Gemeinschaft lebten, seine Vorstellungen von einem Leben in Gütergemeinschaft umsetzen. Im hutterischen Zusammenleben spiegelt sich eine sehr radikale und umfassende Form des Brüderlichkeitsgedankens (→Liebe, brüderliche) wider, der nicht nur zu einer großen Solidarität im geistlichen und sozialen Bereich führte, sondern auch zu einer ausgefeilten, an zünftische Organisationen erinnernde Produktionsgemeinschaft. Die „Utopie im Alltag“ (Hans-Jürgen Goertz, Radikalität der Reformation, 350), die ihre Vollendung im Himmel finden sollte, bereitete den Hutterern jedoch einige Probleme. Einerseits sorgten Abweichungen von den Gemeindeordnungen immer wieder für ein Unterlaufen der gemeinschaftlichen Normen, etwa durch Privatbesitz oder Wirtschaften in die eigene Tasche. Andererseits wurde gerade das hutterische Leben in enger Gemeinschaft von den Obrigkeiten als besonders geheimnisvoll und gefährlich, weil nur schwer kontrollierbar, wahrgenommen.

Zudem erfuhr die hutterische Legitimation für die Gütergemeinschaft im Verlauf des 16. Jahrhunderts einen Wandel. Die Hutterer interpretierten diese zunehmend als biblische Notwendigkeit und machten das „wahre“ Christsein von einem Leben in der Gütergemeinschaft abhängig. Diese dogmatische Verengung, aber auch das offensive Werben der Hutterer für ihr Leben brachte sie immer wieder in Konflikt mit anderen täuferischen Gruppen, wie den Schweizer Brüdern. So steht die Gütergemeinschaft für die konfessionelle Festigung der hutterischen Gemeinde im Verlauf des 16. Jahrhunderts, ebenso wie die Herausbildung eines Ältesten-Gremiums, das die Politik der Gemeinde bestimmte und das Priestertum aller Gläubigen einschränkte.

Als Gemeinde entstanden die Hutterer erst in Mähren, obwohl wesentliche Ideen bereits in Tirol ansatzweise vorhanden waren. Nach einigen Führungs- und Lehrstreitigkeiten Anfang der 1530er Jahre stieg Jakob Huter zum Ältesten seiner Gemeinde auf, die durch Zuwanderer aus Tirol, aber auch aus anderen Teilen des Alten Reichs, rasch wuchs. Der Name „Hutterer“ kam vermutlich erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Fremdbezeichnung auf. Ungefähr ab den 1570er Jahren bezeichneten sich die Hutterer selbst als „Die Brüder, die man die Hutterischen nennt“. 1604 sagten einige Hutterer in einem Verhör vor dem Elbinger Stadtrat aus, ihre Gemeinde sei „nach der Zeyt auch von etlichen die Hutterische bruderschaften“ genannt worden. Um 1600 umfasste die Gemeinde ungefähr 42 Höfe mit wohl über 10.000 Personen. Die Angaben in der Literatur schwanken stark, da exakte Aufzeichnungen fehlen.

So offen Mähren sich für die Täufer präsentierte, ganz unumstritten war die Ansiedlung nicht. Eine erste Verfolgungswelle traf die mährischen Täufer im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen in Münster 1534/35. Die Ereignisse schreckten die Obrigkeiten auf und ließen die Furcht vor anderen täuferischen Bemühungen, die die weltliche Herrschaft massiv infrage stellen könnten, wachsen. Dies führte zu Verfolgungen. Auch die toleranten mährischen Herren mussten sich 1534 einem Beschluss König Ferdinands I. beugen, die Täufer von ihren Grundherrschaften zu vertreiben. Die Hutterer waren hiervon in sehr direkter Weise betroffen. Das Geschichtbuch berichtet in sehr dramatischen Schilderungen von den Vorwürfen gegenüber der Gemeinde: So hieß es, sie würde mit „Geschütz und Gewehr gerüstet“ einen Aufstand planen, und es gingen Gerüchte im Land umher, die Hutterer hätten sich zur Vorbereitung ihres Aufstands „mit so viel Tausend“ Mann „zu Feld gelegt“. Gerüchte, die sich als haltlos erwiesen, denn, so der hutterische Chronist, bei einer Visitation des hutterischen Lagers hätten Boten des Landeshauptmanns statt der Waffen lediglich „viel Kinder und Kranke“ gefunden. Dennoch: Die Hutterer mussten ihre Gemeinden aufgeben und waren gezwungen, für einige Monate auf der offenen Heide zu leben (Wolkan, Geschichtbuch, S. 110-113).

Nachdem die Hutterer 1545 aufgrund eines gegen alle konfessionell devianten Gruppen gerichteten Landstagsbeschlusses erneut eine Zeit des stärkeren Drucks überstehen mussten, begann anschließend die Phase der Konsolidierung und des wirtschaftlichen Wachstums. Die als „Gute“ und „Goldene Jahre“ in die Historiographie eingegangene Epoche war vor allem durch das Wirken des Ältesten Peter →Walpot geprägt, der wichtige Grundlagen für die geistliche, soziale und wirtschaftliche Organisation der Gemeinde legte.

2. Organisation der hutterischen Bruderhöfe

Die hutterischen Bruderhöfe, auch „Haushaben“ genannt, waren im 16. Jahrhundert sowohl im geistlichen als auch im wirtschaftlichen Bereich sehr umfassend und diversifiziert organisiert. Jeder Bruderhof wurde von einem „Diener der Notdurft“, der als Haushalter für die wirtschaftlichen Belange zuständig war, und von einem „Diener des Worts“, der die geistlichen Aufgaben übernahm, geleitet. Ein Ältester stand der gesamten Gemeinde, also allen Haushaben, vor. Auf einem, häufig vierkantig angelegten Hof befanden sich die Wohn- und Schlafstuben, die Essensstube, die Küchen sowie die Stätten der verschiedenen Handwerke und die Vorratskammern. Dem Ideal des gemeinsamen Lebens und Arbeitens war es geschuldet, dass auch die hutterischen Frauen bald nach der Geburt eines Kindes wieder auf den Höfen mitarbeiteten. Die Hutterer etablierten deshalb schon sehr früh eine Art Kindergarten und eine internatartige Schule, in der die Kinder rund um die Uhr betreut wurden.

Im Verlauf des 16. Jahrhunderts konnten die Hutterer einen beeindruckenden Bestand an geistlicher und historiographischer Literatur aufbauen, der sich bis heute erhalten hat. Die „Rechenschaft unsrer Religion / Leer und Glaubens“ von Peter →Riedemann wurde zwischen 1543 und 1545 gedruckt und war zunächst vor allem als Information für die Obrigkeiten über den hutterischen Glauben gedacht. Auch Lieder, Gemeinde-, Handwerks- und Gottesdienstordnungen, Martyriologien (→Martyrium) sowie theologisch-erbauliche Reflexionen und Darstellungen entstanden. Um das Jahr 1570 begann der hutterische Schreiber Hauprecht Zapf zudem, die Geschichte aufzuschreiben; das Große Geschichtbuch wurde bis 1665 fortgeschrieben.

Von der Strukturiertheit des hutterischen Lebens, die alle Lebensbereiche durchdrang, zeugen die →Gemeindeordnungen. Sie bilden einen äußerst reichhaltigen Bestand des hutterischen schriftlichen Erbes und sind Ausdruck der Konfessions- und Gemeinschaftsbildung. Die Handwerksordnungen beispielsweise überliefern die Art und Weise der Produktion, die zu verwendenden Materialien und die Bestimmungen zur Ausführung der Produkte. Die „Kuchlordnungen“, die meist halbjährlich erlassen wurden, legten dagegen genau fest, mit welchen Nahrungsmitteln die Gemeindemitglieder versorgt werden sollten. Die Ordnungen, die den geistlichen Bereich betreffen, hielten den Ablauf der verschiedenen Gottesdienste und der Predigerwahlen sowie der Taufe und des Abendmahls fest. „Gegen den Strich gelesen“ geben die Ordnungen auch Einblicke in die Missstände, die aus dem steten Wachstum der Gemeinde resultierten: Eigennutz, eine stärkere Fokussierung auf die Familie und die immer geringere konfessionelle Bindung vieler Gemeindemitglieder sorgten bis 1600 für krisenhafte Erscheinungen des hutterischen Systems.

3. Krise und wirtschaftlicher Erfolg

Zwei Entwicklungen bereiteten den Hutterern Ende des 16. Jahrhunderts vor allem Probleme. Einerseits erreichten viele Flüchtlinge Mähren, die nicht mehr wegen ihres verfolgten Glaubens ein neues Leben auf den prosperierenden Haushaben suchten, sondern aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten ihre alte Heimat verlassen hatten. Manche blieben, ordneten sich den konfessionellen Normen jedoch nur unzureichend unter, andere blieben nicht lange, sie waren enttäuscht und verließen die Hutterer wieder. Konfessionelle Indifferenz war ebenso die Folge wie Auseinandersetzungen mit den Rückkehrern über ihr Eigentum, das sie bei der Ankunft in Mähren in den Gemeindebesitz eingebracht hatten - eine Auseinandersetzung, die die Hutterer in ihrer Geschichte immer wieder führten. Vor allem in den Anfangsjahren der Gemeinde hatten viele das Eigentum zu früh in Gemeindebesitz überführt, was harte Auseinandersetzungen nach sich zog. Ein zweites Problem, mit dem die Hutterer im späten 16. Jahrhundert konfrontiert waren, betraf die Erziehung der nachfolgenden Generationen und die Vermittlung der konfessionellen Identität. Da konfessionelle und soziale Identität bei den Hutterern im Idealfall zur Deckungsgleichheit kommen sollten, wirkten sich Verletzungen der konfessionellen Norm auch im sozialen Bereich aus und umgekehrt. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts hatten die Hutterer immer mehr Schwierigkeiten, der jungen Generation, die in einer wirtschaftlich prosperierenden Gemeinde und in einer toleranten, verfolgungsfreien Umgebung aufgewachsen war, alte Ideale wie Märtyrertum und Absonderung zu vermitteln.

Der Kern der hutterischen Probleme lag in der Differenz der konfessionellen Normen zum wirtschaftlichen Aufschwung. Polemische Berichte der Jesuiten Christoph Erhard und Christoph Andreas Fischer schildern die hutterischen Höfe als sehr wohlhabend und an den besten Orten gelegen. Das ist eine Darstellung, die nicht nur Polemik, sondern auch Wahrheit enthält. Die in verschiedenen Teilen des Alten Reichs verfolgten Täufer waren in Mähren schnell zu guten Untertanen geworden, die sich in die Wirtschaft auf den adeligen Grundherrschaften ökonomisch gewinnbringend einfügten. Die Hutterer waren vor allem im handwerklichen Gewerbe tätig; zudem betrieben sie Mühlen und arbeiteten als Meier und als Verwalter auf den Gütern der Adeligen. Bevorzugte Handwerke waren die Schmiedekunst, die Wagnerei, Töpferei und die Gerberei; im Verlauf des 16. Jahrhunderts differenzierten sich die Handwerke auf den hutterischen Haushaben immer mehr aus.

Die Hutterer waren in den Aufschwung der Handwerke auf den adeligen Grundherrschaften direkt involviert, die eine zunehmende Konkurrenz zu den zünftisch organisierten Handwerken in den Städte darstellten. Ohne die Förderung des südmährischen Adels hätten sich die Hutterer nicht in dem Maß etablieren können, wie dies geschah. Der Adel gehörte auch zu den wichtigsten Kunden der hutterischen Produkte - im wirtschaftlichen Bereich hatten die Hutterer trotz aller konfessioneller Absonderung keine Berührungsängste mit der Außenwelt. So gehörten Mitglieder mährischer Adelsgeschlechter, wie der Dietrichstein, Žerotín oder Kaunitz zu den Kunden der Hutterer; Kutschwagen, metallene Bettgestelle und keramische Produkte wurden auch in andere europäische Adelshäuser geliefert. Hutterer standen zudem als Bader, Gutsverwalter oder Mühlenbetreiber in den Diensten der Adeligen.

4. Ende der Bruderhöfe in Mähren und Neubeginn in Siebenbürgen

Mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges war für die Hutterer, ebenso wie für alle anderen Nicht-Katholiken, die Zeit in Mähren beendet. Bereits bestehende Bruderhöfe in Oberungarn (heutige Slowakei) nahmen die flüchtenden Glaubensgeschwister auf; zudem lud der siebenbürgische calvinistische Fürst Gabór Bethlen die Hutterer ein, mit ihren innovativen Handwerkstechniken die Ökonomie in seinem Gebiet zu beleben. 1621 und 1623 wanderten Gruppen von Hutterern nach Siebenbürgen aus und siedelten sich in Alwinz an, wo Gabór Bethlen die Neuankömmlinge mit weitreichenden Privilegien ausstattete. Doch nicht alle Hutterer verließen Mähren - die Vertreibung aus Mähren bedeutete für die hutterische Gemeinde einen ersten, sehr ernsten Aderlass. Vermutlich nur ein Drittel der Gemeindemitglieder wanderte aus, die übrigen blieben in Mähren und konvertierten zum Katholizismus. Zudem versuchten einige mährische Adelige, trotz Verbots weiterhin Hutterer zu beschäftigen.

Die Gütergemeinschaft, wesentliches Element des hutterischen Lebens, war über die Jahrhunderte nicht immer unumstritten. Im 16. Jahrhundert noch vehement verteidigt als Zeichen der „wahren Gemeinde Christi“, geriet sie im frühen 17. Jahrhundert zunehmend unter Druck - die Kriegsereignisse, die Auswanderung und konfessionelle Veränderungen sorgten dafür, dass die siebenbürgischen Hutterer die Gütergemeinschaft bis zum Ende des 17. Jahrhundert weitgehend aufgaben. Eine Neubelebung des hutterischen Systems geschah erst durch Kärntner Kryptoprotestanten, die unter Maria Theresia nach Siebenbürgen deportiert worden waren. Sie fingen als Tagelöhner bei den Hutterern an, interessierten sich für das Leben und den Glauben der Täufer, schlossen sich diesen schließlich an und führten die Gütergemeinschaft wieder ein. Die Obrigkeiten legten den alten Hutterern diese Konversionen jedoch als „Missionierung“ aus, was ihnen verboten war. Eine neue Verfolgung setzte ein, die von einer Jesuitenmission begleitet war. Mit der Katholisierung konfrontiert, entschloss sich eine große Gruppe von Hutterern 1767, Siebenbürgen heimlich zu verlassen. Sie zog über die Karpaten nach Wischenky, wo Graf Rumjanzew-Sadunaisky die Ansiedlung auf seinen Gütern gestattete.

Nach dem Tod des Grafen konnte die Gemeinde keine Einigung mit seinen Erben erzielen, so dass sie 1802 ins nahe gelegene Radičeva zog. Ein Census von 1803 beziffert die Zahl der Hutterer auf 205 Personen, insgesamt 48 Familien und 8 Witwen. Ein Bericht des Herrnhuters Johann Wiegand, zu dem die Hutterer enge Kontakte unterhielten, überliefert eine Beschreibung des hutterischen Hofes in Radičeva. Demzufolge war dieser viereckig angelegt und beherbergte einen gemeinsamen Speisesaal, Stuben, in denen die jungen Mütter wohnten, sowie ein Schwestern- und ein Brüderhaus. Die Hutterer behielten in Radičeva, ebenso wie es in Mähren gewesen war, die räumliche Trennung nach Geschlechtern bei - die Schlafstuben der Männer befanden sich bei den Werkstätten. Lediglich der Älteste Johannes Waldner verfügte über ein eigenes Haus. Die Handwerke umfassten Schmiede, Gerberei, Schuhmacherei, Branntweinbrennerei, Bäckerei, Weberei, Tischlerei, Töpferei, Hutmacherei und Färberei. Zudem befanden sich eine Kleine und eine Große Schule auf dem Hof.

Für das Jahr 1811 gibt ein Brief, den der Älteste Johannes Waldner an die Herrnhuter Gemeine in Sarepta schrieb, weitere Einblicke in das Leben der Hutterer in Radičeva. Waldner schildert, dass die Organisation der Gemeinde in vielen Punkten mit dem Leben in Mähren übereinstimme, beispielsweise hielt man sich an die „Allgemeine Dienstordnung“ von 1580. Es gab einen Ältesten, einen Mithelfer, einen Hauswirt, der für die wirtschaftlichen Tätigkeiten zuständig war, sowie dessen Gehilfen, einen Schulhalter und für jede Handwerksstube einen Vorgesetzten. Zum Arbeitsbereich der Frauen gehörten die Ämter einer Köchin mit einer Helferin, einer Wäscherin, einer Schulmutter, einer Krankenwärterin und einer Hebamme sowie die Aufgaben in der Spinnstube. Die geistliche Unterrichtung unterstand dem Ältesten und dessen „mit helfer am Evangeli“. Sonntags wurden vormittags und nachmittags Versammlungen abgehalten, während der Woche jeden Abend. Um Streitigkeiten zu schlichten, gab es auf dem Hof elf oder zwölf Gerichtsbrüder - die Strafverfahren waren dreistufig, von der Abbitte vor den versammelten Gerichtsbrüdern bis zum →Bann.

5. Hutterer an der Molotschna in der Ukraine

Harte interne Auseinandersetzungen und Streitigkeiten zwischen den Ältesten begleiteten jedoch die hutterische Zeit in Radičeva - sie endeten in einer Spaltung, die dazu führte, dass eine Gruppe von Hutterern in die Molotchna zog. 1842 schließlich siedelten sich dort alle Hutterer an, unter vielfältiger Hilfestellung durch die in der Region bereits wohnenden Mennoniten. Zur Zeit der Emigration bestand die hutterische Gemeinde aus 384 Personen. Allerdings führten nur die hutterischen Dörfer Hutterdorf, Neu-Hutterthal, Johannesruh und Scheromet die Gütergemeinschaft wieder ein.

Doch die Molotchna war nicht die einzige Region, in der Hutterer siedelten. Auch in Oberungarn hatten sich Hutterer erhalten, allerdings gerieten sie im 18. Jahrhundert unter den Druck der Konfessionalisierungspolitik Maria Theresias; sie mussten die Kindertaufe einführen und wurden zur Konversion gezwungen - die Ältesten erhielten in katholischen Klöstern Unterricht zur Umerziehung. Seit den 1760er Jahren waren der hutterische Glauben und die hutterische Kultur in Oberungarn erloschen. Nachdem Joseph II. seine Toleranzpatente 1781 erlassen hatte, versuchte zwar eine Gruppe ehemaliger Hutterer noch einmal, zu ihrem alten Glauben zurückzukehren, was jedoch aufgrund der Intervention einer zweiten Gruppe von Hutterern scheiterte. Diese hatte sich mit dem katholischen Glauben und dem Leben in Oberungarn arrangiert und betrachtete die Versuche, zum hutterischen Glauben zurückzukehren, mit Argwohn, weil sie um ihr politisch ruhiges Leben fürchtete. Lange Bittschriften, die nach Wien gesandt wurden, denunzierten die ehemaligen Glaubensgeschwister, Unruhe und Aufruhr stiften zu wollen. Grundlage für ihre Anschuldigungen war unter anderem die Rechenschaft Peter Riedemanns, aus der die katholischen Hutterer Passagen aus dem Zusammenhang gerissen zitierten, um die angebliche Gefahr des hutterischen Glaubens für die Obrigkeiten zu belegen. Letztlich scheiterten alle Versuche, zum alten hutterischen Glauben zurückzukehren.

6. Auswanderung nach Nordamerika

Als sich der Nationalismus in den 1870er Jahren in Rußland verstärkte, geriet auch das Leben der Hutterer in der Molotschna in Schwierigkeiten. Die Gemeinde befürchtete nicht nur, ihre „deutsche“ Kultur zu verlieren und in ihren Schulen russisch unterrichten zu müssen, sondern auch die Einführung des Wehrdienstes, die sich am Horizont anzukündigen drohte. Hutterische und mennonitische Abgesandte reisten gemeinsam nach Nordamerika, um die Möglichkeiten für eine Ansiedlung zu erkunden. Die Hutterer entschieden sich schließlich für die Dakota Territories.

Die Auswanderung aus der Molotchna, die 1874 einsetzte, war entscheidend für die organisatorische Struktur der Hutterer, wie sie sich bis heute erhalten hat. Die Bewohner von Scheromet und Hutterdorf fingen unter ihrem Ältesten, dem Schmied Michel Waldner, als „Schmiedeleute“ auf dem Bon-Homme-Bruderhof in den Dakotas ein neues Leben an. Ebenfalls aus Hutterdorf stammten die „Dariusleute“, die angeführt von Darius Walter in der Nähe von Olivet (heutiges South Dakota) den Wolf-Creek-Bruderhof aufbauten. Während „Schmiedeleut“ und „Dariusleut“ 1874 ausgewandert waren, brachen die „Lehrerleut“ unter dem Lehrer Jakob Wipf erst 1877 in Johannesruh auf. Sie siedelten sich auf dem dritten Bruderhof in den Dakotas an, den sie „Old Elmspring“ nannten. Eine weitere hutterische Gruppe fand in den Dakota Territories als die „Prairieleut“ Zuflucht, die im Gegensatz zu den anderen „Leute“-Gruppen in Privateigentum lebten. Bis 1880 kamen in kleineren Wellen immer wieder Hutterer in die Dakotas. Nach einigen schwierigen Zeiten im Ersten Weltkrieg verlegten die Hutterer ihre Höfe nach Kanada, nach dem Krieg gingen einige wieder in die USA zurück. Heutzutage leben die Hutterer auf über 400 gütergemeinschaftlich organisierten Höfen in den Provinzen Manitoba, Saskatchewan, Alberta und British Columbia sowie in den Bundesstaaten South und North Dakota, Minnesota, Washington, Montana und Oregon.

7. Die Hutterer in der Historiographie

Die historiographische Beschäftigung mit den Hutterern hat ganz unterschiedliche Bilder und Repräsentationen der Gemeinde hervorgebracht. Am Anfang standen Josef von Beck und Rudolf Wolkan, die im späten 19. Jahrhundert beziehungsweise um 1900 davon ausgingen, die Hutterer seien ausgestorben. Erst 1904 erfuhr der Wiener Literaturhistoriker Wolkan, dass es in den USA immer noch Hutterer gäbe, was zu einem intensiven Kontakt und schließlich zur Edition des Geschichtbuches durch Wolkan führte. Eine stärkere ideologische Einordnung erfuhren die Hutterer als Teil der täuferischen Bewegung in der soziologischen Richtung von Ernst →Troeltsch und Max →Weber, die einerseits den „Sekten“-Charakter der Täufer, andererseits ihr Vorbild für die moderne rationalistische Wirtschaftsgesinnung hervorhoben.

In der Nachkriegszeit war vor allem der in der NS-Zeit in die USA ausgewanderte Wiener Historiker Robert →Friedmann ein wichtiger Interpret der hutterischen Gemeindegeschichte. Er war durch den österreichischen religiösen Sozialismus um Otto Bauer geprägt, der die Hutterer mit ihren Ideen der Gütergemeinschaft als sozialistisches Modell einer Veränderung der Welt auf religiöser Basis darstellte. Friedmann führte diese Ideen zunächst fort, distanzierte sich später teilweise davon und sah die Möglichkeit, aus dem Glauben heraus Politik zu gestalten wesentlich kritischer. Dennoch blieben der Gemeinschaftsgedanke und die praktizierte →Nachfolge Jesu bei den Hutterern für ihn ebenso zentrale Elemente, die auch eine Herausforderung für die Welt des 20. Jahrhunderts darstellen könnten, wie die Leidensbereitschaft im Martyrium.

Interpretationen, die von neueren sozial- und kulturwissenschaftlichen Ansätzen geprägt sind, heben einerseits den Utopiegedanken in den hutterischen Vorstellungen von der Gütergemeinschaft hervor oder weisen andererseits entweder auf eine merkantilistische, frühkapitalistische oder kommunalistisch beeinflusste Wirtschaftsweise der Hutterer hin. Andererseits konzentriert sich die Historiographie in letzter Zeit zunehmend auf die Bedeutung der Hutterer für die politisch kulturelle Welt, auf ihren Beitrag zu normbildenden Diskussionen der frühneuzeitlichen Gesellschaft und ihre Inklusion in transkonfessionelle Netzwerke.

Literatur (Auswahl)

Robert Friedmann, Hutterite Studies. Essays by Robert Friedmann, hg. von Harold S. Bender, Goshen, Ind. 1961. - Hans-Jürgen Goertz, Radikalität der Reformation, Göttingen 2007. - Leonard Gross, The Golden Years of the Hutterites. The Witness and Thought of the Communal Moravian Anabaptists During the Walpot Era, 1565-1578 (Studies in Anabaptist and Mennonite History, 23), 2. Aufl., Kitchener, Ont. 1998. - Bodo Hildebrand, Erziehung zur Gemeinschaft. Geschichte und Gegenwart des Erziehungswesens der Hutterer, Pfaffenweiler 1993. - Frantisek Hruby, Die Wiedertäufer in Mähren, Sonderdruck aus dem Archiv für Reformationsgeschichte 30-32, Leipzig 1935. - Rod Janzen und Max Stanton, The Hutterites in North America, Baltimore 2010. - Johann Loserth, Der Communismus der mährischen Wiedertäufer im 16. und 17. Jahrhundert, Archiv für österreichische Geschichte 81, Wien 1895. - Werner O. Packull, Die Hutterer in Tirol. Frühes Täufertum in der Schweiz, Tirol und Mähren, Schlern-Schriften 312, Innsbruck 2000. - Matthias Rauert und Martin Rothkegel (Hg.), Katalog der Hutterischen Handschriften und Drucke aus hutterischem Besitz in Europa (Quellen zur Geschichte der Täufer, Bd. 18), Gütersloh 2011. - Martin Rothkegel, Anabaptism in Moravia and Silesia, in: John D. Roth und James M. Stayer (Hg.), A Companion to Anabaptism and Spiritualism, 1521-1700. Leiden und Boston 2007, 163-215. - Astrid von Schlachta, Hutterische Konfession und Tradition (1578-1619). Etabliertes Leben zwischen Ordnung und Ambivalenz. Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte. Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte 198, Mainz 2003. - Dies., Die Hutterer zwischen Tirol und Amerika. Eine Reise durch die Jahrhunderte, Innsbruck 2006. - Robert W. Scribner, Konkrete Utopien. Die Täufer und der vormoderne Kommunismus. In: Mennonitische Geschichtsblätter 1993, 7-46. - Gerd Ströhmann, Erziehungsrituale der Hutterischen Täufergemeinschaft. Gemeindepädagogik im Kontext verschiedener Zeiten und Kulturen, Münster 1999. - Thomas Winkelbauer, Österreichische Geschichte 1522-1699. Ständefreiheit und Fürstenmacht. Länder und Untertanen des Hauses Habsburg im konfessionellen Zeitalter. Wien 2003. - Ders., Die Vertreibung der Hutterer aus Mähren 1622. Massenexodus oder Abzug der letzten Standhaften? In: Mennonitische Geschichtsblätter 2004, 65-96. - Rudolf Wolkan (Hg.), Geschichtbuch der Hutterischen Brüder, Cayley, Alb., 1990. - Ders., Die Hutterer. Österreichische Wiedertäufer und Kommunisten in Amerika. Reprint, Nieuwkoop 1965.

Astrid v. Schlachta

 
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