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Schweizer Brüder

1. Die Sammlungsbewegung der Schweizer Brüder

Der Gruppenname „Schweizer Brüder“ erscheint in den Quellen ab 1538, zunächst vor allem in Texten hutterischer Verfasser, und bezeichnet eine mit Pilgram →Marpecks „Bundesgenossen“-Gemeinden und mit den Hutterischen Brüdern konkurrierende täuferische Sammlungsbewegung im südwestdeutschen Raum und in Mähren, der sich ab 1555 auch Täufergemeinden melchioritischen Ursprungs in der Eifel, am Niederrhein und in Hessen anschlossen.

Die Schweizer Brüder waren die einzige täuferische Gruppierung, die sich im südwestdeutschen Raum über das letzte Drittel des 16. Jahrhunderts hinaus als konfessionelle Struktur mit organisierten Gemeinden, Ältesten und übergemeindlichen Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen behaupten konnte. Ab 1555 bis ins frühe 17. Jahrhundert sind regelmäßige Synoden der Ältesten und Lehrer (Prediger) der Schweizer Brüder in Straßburg belegt. 1591 gingen die Schweizer Brüder, die in niederländischen Quellen auch als „Oberländer“ oder „Hochdeutsche“ bezeichnet wurden, durch eine in Köln geschlossene Übereinkunft („Konzept von Köln“) eine Kirchengemeinschaft mit den „Friesen“ ein, einer der mennonitischen Untergruppen. 1601 traten auch die taufgesinnten „Waterlander“ der nun als „Befriedete Bruderschaft“ (Bevredigde broederschap) bezeichneten Kirchengemeinschaft bei; angesichts der erheblichen Differenzen zwischen den beteiligten Gruppen in Lehre und Ethik zerbrach die „Befriedete Bruderschaft“ jedoch nach wenigen Jahren. Delegationen der Schweizer Brüder nahmen 1538 in Bern, 1557 in Pfeddersheim und 1571 in Frankenthal an Religionsgesprächen mit protestantischen Theologen teil.

In den meisten Regionen ihres Verbreitungsgebiets erloschen die Gemeinden der Schweizer Brüder während des Dreißigjährigen Krieges. Als konfessionelle Gruppe konnten sie sich nur im in der Schweiz im Herrschaftsgebiet von Bern (und bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts im Herrschaftsgebiet von Zürich) behaupten. Restgruppen in der Herzogtümern Jülich und Berg und in den Niederlanden verschmolzen mit den Mennoniten. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam es durch die Auswanderung von Schweizer Brüdern aus der Schweiz zur Neugründung zahlreicher Gemeinden im Elsass und in der Pfalz, wo bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg Gemeinden der Schweizer Brüder bestanden hatten.

Von den Schweizer Brüdern spalteten sich 1693 unter der Führung von Jakob →Amman die nach diesem benannten →Amischen ab. Zur gemeinsamen Tradition der Schweizer Brüder und Amischen gehören zwei oft nachgedruckte und teilweise bis in die Gegenwart benutzte Werke, deren Ursprung in die Entstehungszeit der Schweizer Brüder als Gruppe zwischen 1535 und 1540 zurückreicht: das Liederbuch Ausbund (Erstdruck, o. O. 1564, →Lieder der Täufer) und die thematisch geordnete Concordantz und zeyger der namhafftigsten Sprüch aller Biblischen bücher (Erstdruck, Worms ca. 1542-1552, →Konkordanz).

2. Bedeutung und Verwendung der Bezeichnung „Schweizer Brüder"

Der Gruppenname „Schweizer Brüder“ ist in Analogie zu anderen seit den 1530er Jahren entstehenden täuferischen Gruppenbezeichnungen gebildet (z. B. Austerlitzer Brüder, Hutterische Brüder, Philipper-Brüder, Gabrieler-Brüder; später auch Polnische Brüder als Bezeichnung der täuferisch-antitrinitarischen „Ecclesia minor“ in Polen). Der Ursprung dieses Typs von Gruppennamen weist nach Mähren, wo entsprechend dem tschechischen Sprachgebrauchs die Bezeichnung „Brüder“ für separatistische Gruppierungen unterschiedlicher theologischer Prägung üblich war (z.B. Böhmische Brüder, Habrovaner Brüder).

In Nordamerika werden die seit 1708 nach Pennsylvania eingewanderten Täufer Pfälzer und oberdeutschen Ursprungs zur Unterscheidung von den niederländischen und norddeutschen Mennoniten als Schweizer Brüder bezeichnet. Durch Publikationen von John →Horsch (1932) und Harold S. →Bender (1950), wurde es üblich, den Gruppennamen Schweizer Brüder in die Entstehungszeit der frühesten Täufergemeinden in Zürich und in der Schweiz zurückzuprojizieren. Durch Benders Interpretation der Person Konrad →Grebels als „Gründer der Schweizer Brüder“ wurde das Konstrukt einer kontinuierlichen konfessionellen Identität mit einem klar umrissenen, pazifistischen und „evangelischen“ theologischen Profil von der Frühzeit der Reformation bis zur Gegenwart unter den nordamerikanischen „Schweizer“ Mennoniten popularisiert.

Nachdem bereits James M. Stayer (1977, 1978) Benders Konstrukt kritisch hinterfragt hatte, arbeitete Werner O. Packull (1995) heraus, dass sich der Gruppenname „Schweizer Brüder“ nicht auf die Anfänge der Täuferbewegung 1525 in Zürich zurückverfolgen lässt, sondern erst in den späten 1530er Jahren entstanden sei. Die frühesten Belege für den Gruppennamen in hutterischen Quellen stehen im Zusammenhang mit einer Gruppe von Rückwanderern aus Mähren, die dort einer Flüchtlingsgemeinde unter der Führung von Philipp Plener gen. Blauärmel, den sog. Philipper-Brüdern, angehört hatten. Als die Philipper nach mehrjährigem Aufenthalt 1535 aus →Mähren ausgewiesen wurden und in ihre süddeutsche Heimat zurückzogen, wurde ein Teil von ihnen in Passau inhaftiert. Ein anderer Teil der Philipper entkam der Gefangennahme und schloss sich um 1540 in der Pfalz der Sammlungsbewegung der Schweizer Brüder an. Auf die in Passau gefangenen Philipper-Brüder geht ein Teil der im Liederbuch „Ausbund“ enthaltenen Lieder zurück.

3. Differenzpunkte gegenüber anderen täuferischen Gruppen

Die spezifischen Lehren und Praktiken der Schweizer Brüder, in denen sie sich von konkurrierenden täuferischen Gruppen unterschieden, wurden in zeitgenössischen innertäuferischen Polemiken und in Fremdberichten über die verschiedenen Gruppierungen der Täufer benannt. In der um 1542 einsetzenden Polemik gegen die Schweizer Brüder in den Briefen und Schriften Pilgram →Marpecks und der „Bundesgenossen“-Gemeinden wurde den Schweizer Brüdern vor allem Gesetzlichkeit, übereilter Gebrauch des Banns und mangelnde Verbindlichkeit bei der Ausübung des Ältestenamtes vorgeworfen. Die →Hutterer warfen den Schweizer Brüdern das Festhalten am Privateigentum, Zahlung von Kriegssteuern, mangelnden Respekt vor dem Ältestenamt und eingebildete Sündlosigkeit vor.

Die Quellen zu den Schweizer Brüdern in Mähren enthalten einige auffällige Einzelheiten. So heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1555 von den Schweizer Brüdern, sie hätten ihren Namen nach einem Vorsteher, der aus der Schweiz nach Mähren gekommen sei. Sie versammelten sich in ihren Häusern und beträten keinerlei Kirchen, da diese Götzentempel seien. Sie hielten keine Gemeinschaft mit den Austerlitzer Brüdern oder Bundesgenossen, da bei diesen der Bann nicht streng genug gehandhabt werde (Regensburg, Stadtarchiv, Eccl. I, Nr. 58-33, 35021-35028). Etwa aus derselben Zeit stammt ein Bericht, wonach die Schweizer Brüder in Mähren „die tauff und sacrament gar nichts nutz zur seelen seligkheit“ hielten, „sagen, eß wer alle menschen selig, die den namen deß Herrn anruffen (Regensburg, Stadtarchiv, Eccl. I, Nr. 43c, 10, 25187-25227).

Ein Augenzeuge der Zeit kurz vor dem Ende des Täufertums in Mähren (1622) brachte in Erfahrung, dass die Schweizer Brüder Privateigentum hätten, aber Gemeindehäuser unterhielten, in denen die Prediger wohnten und in denen Versammlungen abgehalten wurden und durchreisende Glaubensgenossen Aufnahme fanden. Ferner sei bei ihnen die Taufe außer Gebrauch geraten: „Diese Leut wurden auch ihr Leben lang nicht getaufft, trugen keine Wehren und hielten ihr Brodbrechen oder das Abendmahl jährlich allwegen auff Pfingsten“ (Martin Zeiller, Topographia Bohemiae, Moraviae et Silesiae, Frankfurt a. M. 1650, 96). Ein (erst 1627 niedergeschriebener) Bericht über den Besuch einer Gruppe von Täufern aus Griechenland bei einer Gemeinde der Schweizer Brüder in Mähren im Jahr 1540 behauptet, die namengebende Gründergestalt habe „Hans Schweizer“ geheißen (Het Brilleken, Harlem 1630, 44 f; vgl. Thieleman Jansz van Braght, Het Bloedigh Tooneel of Martelaers Spiegel der Doopsgesinde of Weereloose Christenen, Amsterdam 1685, II, 400-402).

4. Aufgaben der Forschung

Die Schweizer Brüder sind als eine Sammlungsbewegung oder konfessionelle Gruppierung im Kontext eines in den 1530er Jahren einsetzenden Prozesses der „Konfessionsbildung“ innerhalb des oberdeutschen Täufertums zu charakterisieren. Sie standen in Konkurrenz zu Marpecks „Bundesgenossen“ und zu den Hutterischen Brüdern stand. Der Begriff „Schweizer Brüder“ ist nicht bedeutungsgleich mit „Schweizer Täufer“, obwohl er seit Horsch und Bender, teilweise auch noch in neueren Publikationen, häufig so benutzt wurde. Die meisten in den Quellen des 16. Jahrhunderts erwähnten Schweizer Brüder lebten außerhalb der Schweiz, und nicht alle Täufer, die im geographischen und politischen Bereich der Schweizer Eidgenossenschaft lebten, waren Schweizer Brüder. In der Sammlungsbewegung der Schweizer Brüder, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine weit ausgedehnte Untergrundkirche bildeten, wirkten unterschiedliche theologische Traditionen nach. Welche Bedeutung der auf das 1525 entstandene frühe Schweizer Täufertum zurückgehenden Traditionslinie für die Entstehung der ab 1538 im südwestdeutschen Raum und in Mähren bezeugten Schweizer Brüder zukommt, wäre durch zukünftige Forschungen zu präzisieren.

Literatur

John Horsch, The Rise and Early History of the Swiss Brethren Church, in: MQR 6 (1932), 169-191, 227-249. - Harold S. Bender: Conrad Grebel, ca. 1498 - 1526. The Founder of the Swiss Brethren, Sometimes called Anabaptists, Goshen 1950. - James M. Stayer, Die Schweizer Brüder. Versuch einer historischen Definition, in: Mennonitische Geschichtsblätter 34, 1977, 7-34. - Ders., The Swiss Brethren: An Exercise in Historical Definition, in: Church History 47, 1978, 174-195. - Werner O. Packull, Hutterite Beginnings. Communitarian Experiments during the Reformation, Baltimore und London 1995. - Ders., Research Note: The Context of the Swiss Brethren Confession of Faith in Hesse (1578), in: Mennonite Quarterly Review 80, 2006, 249-260. - John D. Roth, Marpeck and the Later Swiss Brethren, in: James M. Stayer und John D. Roth (Hg.), A Companion to Anabaptism and Spiritualism, 1521-1700, Leiden und Boston 2007, 347-388. - Martin Rothkegel, Pilgram Marpeck and the Fellows of the Covenant: The Short History of the Rise and Decline of an Anabaptist Denominational Network, in: Mennonite Quarterly Review 85, 2011, 7-36. - C. Arnold Snyder, In Search of the Swiss Brethren, in: MQR 90, 2016, 421-515. - Martin Rothkegel, Daniel Graff über Pomponio Algieri von Nola: Eine Märtyrerflugschrift der Schweizer Brüder von 1565, in: Mennonitische Geschichtsblätter 74, 2017, 44-72.

Martin Rothkegel

 
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