Isaak, Abraham

geb. am 4. Oktober 1856 in Rosenthal, Chortiza (Ukraine), Russland, gest. am 10. Dezember 1937 bei Lincoln, California, USA; Publizist und Anarchist.

Abraham Isaak wurde in eine arme Familie der mennonitischen Kolonie Chortiza hineingeboren. Er war das zweite Kind von 12 Geschwistern, die Abraham Isaak (1832-1898) und seiner Ehefrau Helena Wiebe (1835-1882) geboren wurden. 1879 heiratete er Maria Dyck Isaak (1861-1934) und zog mit ihr drei Kinder auf, deren Nachfahren jetzt in Vermont und Kalifornien leben.

Besonders bekannt wurde Abraham Isaak durch die Herausgabe der beiden nordamerikanischen anarchistischen Wochenschriften Firebrand (1895-97) und Free Society (1897-1904). Isaak war eher ein Aktivist als ein Theoretiker des Anarchismus. Zu seinen Bekannten und Freunden zählten die russischen Anarchisten Peter Kropotkin und Emma Goldman, ebenso der anarchistische Rechtsanwalt Clarence Darrow, die Gründerin von Siedlungshäusern Jane Addams und der Wirtschaftswissenschaftler Thorsten Veblen.

Nur zwei Mal bezog sich Isaak in ambivalenter Anspielung auf seine mennonitische Herkunft in Firebrand und in Free Society. Während er das Prinzip der Wehrlosigkeit ablehnte, nahm er die traditionellen Täuferprinzipien wie gegenseitige Hilfe und soziale sowie wirtschaftliche Gleichheit auf, die auch von den Anarchisten vertreten wurden und von denen Isaak glaubte, sie repräsentierten das Beste seiner eigenen mennonitischen Tradition.

Isaak arbeitete in einer Buchhandlung in Odessa, wo er nachweislich Nihilist wurde, und floh dann um 1889 vor der zaristischen Polizei nach Rio de Janeiro. 1890 wanderte er in die USA aus und lebte in San Francisco, bevor er nach Portland, Oregon, zog. In Portland wurde er Mitglied der sozialistischen Arbeiterpartei und gründete 1895 gemeinsam mit dem in Amerika geborenen Quäker Abner Pope und mit Henry Addis das anarchistische Wochenblatt Firebrand. Isaak sollte noch am Anarchismus festhalten, als dessen Anhänger schon von der Zweiten Internationale ausgeschlossen worden waren.

1897 beschlagnahmten die Behörden den Firebrand und nahmen Isaak nach dem Erscheinen von Walt Witmans A Women waits for Me fest, weil die Behörden diesen Artikel als obszön einstuften. Während die Familie das Gerichtsverfahren abwartete und gepfändet wurde, zog sie nach San Francisco, wo sie Free Society ins Leben rief. Der Gerichtshof von Portland ließ die Anschuldigungen gegen Isaak, Pope und Addis später fallen lassen.

Zu Beginn des Jahres 1901 verließ die Familie San Francisco und siedelte nach Chicago über. Sieben Monate später geriet Isaak in die Schlagzeilen der nationalen Presse, nachdem Leon Czolgosz, von dem keine Verbindungen zum Anarchismus bekannt sind, den US-Präsidenten William McKinley in New York am 6. September 1901 erschossen hatte. Zufällig hatte Isaak sich mit dem späteren Attentäter einige Tage zuvor in Chicago getroffen. Czolgoszs Gewaltbereitschaft hatte den Verdacht genährt, dass er ein Spion gewesen sei, und das hatte Free Society veranlasst, vor ihm zu warnen. Dennoch wurden die Isaak-Familie und andere Anarchisten im Lande gefasst und ins Gefängnis eingeliefert. Die Isaaks wurden gegen Ende des Monats allerdings wieder auf freien Fuß gesetzt.

Isaak sollte seinen Wechsel nach New York im Jahre 1904 bedauern, denn dort wurde Free Society mit finanziellen Problemen konfrontiert, die das Einstellen dieses Blattes im November 1904 zur Folge hatten. Emma Goldmans Mother Earth (1906) war ein Versuch, die so entstandene Lücke anarchistischer Literatur zu füllen.

1909 gründeten Abraham und Marie Isaak die anarchistisch inspirierte Aurora Colony in der Nähe des kalifornischen Lincoln, wo sie eine Farm von 150 Acres mit finanziellen Mitteln aus einer Erbschaft der Frau erworben hatten. Isaak, der in der Todesanzeige einer lokalen Zeitung als „ein kolonisatorischer Repräsentant russischer Bürger, die jetzt in Chicago und New York leben“ beschrieben wurde, verkaufte 25 Parzellen an ungefähr 19 verschiedene Familien, deren Mangel an landwirtschaftlicher Erfahrung und an Fähigkeiten im Umgang mit den alltäglichen Widrigkeiten zur Aufgabe der Kolonie führte. Die Isaaks und einige andere Familien blieben weiterhin auf ihren Parzellen.

Nichts deutet darauf hin, dass Isaak die Zeitungsarbeit wieder aufgenommen hätte. Vielmehr engagierte er sich fortan in solchen etablierten Organisationen wie dem Farm Bureau und anderen bürgerlichen Organisationen. Marie Isaak starb am 17. April l934 an Lungenentzündung. Abraham Isaak starb laut Totenschein an den Folgen der Parkinsonschen Krankheit. Vier Jahre vor seinem Tod schrieb er an seinen Freund Harry Kelly: „Zuerst nahm die Eisenbahn unsere Birnen und Pflaumen und siebzig Dollars dazu; der gute Gott nahm uns die Zitrusfrüchte durch Frost, und vor zwei Wochen schloss die Lincoln Bank ihre Türen, wo wir unsere letzten Ersparnisse hatten (…).“ Er schloss den Brief: „Vor ungefähr dreißig Jahren erzählte mir Thorsten Veblen in Chicago, dass die Maschine den Kapitalismus eher als die Anstrengungen der Revolutionäre zerbrechen würde, und es scheint, dass seine Voraussage sich bewahrheiten würde.“

Publikationen

The Firebrand: An Experiment of Anarchist-Communism, Portland, Oregon, 1895-1897. - Free Society: A Periodical of Anarchist Thought, Work, and Literature, San Francisco, Ca., Chicago, Il., New York 1897-1904.

Literatur

Paul Avrich, Anarchist Vices: An Oral History of Anarchism in America, Princeton 1995. - Allen F. Davis, American Heroin: The Life and Legend of Jane Addams, New York 1973. - Marshall Everett, Complete Life of William McKinley and the Story of His Assassination (Memoiral Edition) o. O., 1901. - Emma Goldman, Living My Life, Bd. 1, New York 1970. - William O. Reichert, Partisans of Freedom: A Study in American Anarchism, Green 1971, 261-277. - Carlos A. Schwantes, Free Love and Free Speech on the Pacific Northwest Frontier, in: Oregon Historical Quarterly 82, 1981, 271-293. - Steven K. Smith, Research Note: Further Notes on Abraham Isaak, Mennonite Anarchist, in: Mennonite Quarterley Review 80, 2006, S. 83-94.

Steven K. Smith

 
www.mennlex.de - MennLex V :: art/isaak_abraham.txt · Zuletzt geändert: 2013/03/05 22:02 (Externe Bearbeitung)     Nach oben
© 2010 - 2016 Mennonitischer Geschichtsverein e.V. | Impressum | Kontakt: webmaster@mennlex.de | Umsetzung: Benji Wiebe, mennox.de |
Artikel drucken
| ODT Export | PDF Export