Antitäuferische Streitschriften

1. Streitschrift

Eine Streitschrift richtet sich argumentativ gegen eine andere Meinung - gewöhnlich in feindseliger Absicht. Das Wort Streitschrift weist, wenn auch nicht etymologisch, so doch in seiner begrifflichen Konzeption auf das griechische Wort „polemikos“ zurück, was zum deutschen Wort „Polemik“ und zum englischen „polemic“ geführt hat. Autoren des 16. Jahrhunderts, gleich welcher religiösen Richtung, beteiligten sich am Literaturkampf und zogen polemische Auseinandersetzungen mit ihren Streitschriften in die Länge. Streitschriften provozieren Kontroversen, schmähen Gegner, karikieren oder übertreiben gegnerische Meinungen mithilfe einer Vielfalt rhetorischer Strategien. Solche Schriften können auch in gelehrte Debatten oder Dialoge eingreifen, die mit theologischen Kategorien oder scholastischer Argumentationstechnik geführt werden. Streitschriften greifen auch sensible oder zeitgemäße politische, wirtschaftliche, philosophische und theologische Themen auf. In der Reformationszeit richteten die Autoren ihre Streitschriften generell an Leser in ihren eigenen Glaubensgemeinschaften, um deren eigene konfessionelle Identität angesichts der Gegner zu stützen. Damit wollten sie die Überlegenheit des eigenen gegenüber dem Argument des Gegners unter Beweis stellen. Martin Luther ist aufgrund seiner Streitschriften berühmt geworden, in denen er Katholiken, Spiritualisten, Täufer, Muslime und Juden angriff. Oft lieferten sie sich Streitschriftenduelle, die einem allgemeinen Muster folgten: Argument (A), Entgegnung (B) und Widerlegung der Entgegnung (A).

2. Antitäuferische Streitschriften

„Antitäuferische Streitschriften“ waren vor allem jene Schriften römisch katholischer, lutherischer und reformierter Autoren, die einzelne Täuferführer oder täuferische Gruppen aus politischer, theologischer, sozialer oder wirtschaftlicher Sicht ins Visier nahmen. Ein grundsätzliches Ziel dieser Streitschriften war es, die „wahre“ Kirche gegen die Irrtümer der Täufer zu verteidigen, die angeblich „das einfache Volk verführten“ und in sein Verderben stürzten. Die Täufer waren für ihre konfessionellen Gegner eine besonders günstige Zielscheibe, da ihre religiöse „Häresie“ soziale und politische Implikationen hatte. Viele Täufer sonderten sich mit dem symbolischen Akt der Erwachsenentaufe von Andersgläubigen ab, weigerten sich, den bürgerlichen Eid zu schwören, Kriegssteuern zu zahlen, Kriegsdienste zu leisten oder die traditionellen Pflichten zu übernehmen, wie den Wachdienst bei Nacht. Die Schweizer Täufer werden gewöhnlich mit den Grundansichten in Verbindung gebracht, wie sie in den Schleitheimer Artikeln von 1527 zum Ausdruck gebracht wurden. Andere, wie Hans Hut und Hans Denck, waren stärker vom mystischen und apokalyptischen Denken des berühmten Radikalen Thomas Müntzer beeinflusst, der nach der Bauernkriegsschlacht von Frankenhausen im Mai 1525 hingerichtet wurde. Mit Müntzer glaubten manche Täufer, dass das Ende der Welt kurz bevorstünde und es ihre Aufgabe sei, die Gottlosen zu vernichten, um die Wiederkehr Christi vorzubereiten. Das war schließlich auch mit den Täufern in →Münster der Fall, mit den Erben des „Propheten“ Melchior Hoffman.

Frühneuzeitliche Behörden antworteten darauf mit Gewalt, nicht nur gegen die wenigen Täufer, die offen Aufruhr predigten, sondern auch gegen diejenigen, die bürgerlichen Ungehorsam im Namen ihres Glaubens leisteten. Schließlich wies die Glaubenstaufe die übliche politisch-theologische Annahme des Mittelalters zurück, dass derjenige, der in die Kirche hineingeboren wurde, deshalb auch in die christliche Gesellschaft aufgenommen worden sei. Die meisten Territorialherren und städtischen Magistrate sahen in solchen Handlungen eine Bedrohung der sozialen Ordnung und glaubten, dass es ihre fromme Pflicht sei, ihre Bevölkerung zu disziplinieren, indem sie an Leuten, die sie für Anarchisten und Seelenmörder hielten, ein Exempel statuierten. So dienten die Täufer auch als populäre und willkommene Sündenböcke für andere, oft miteinander unverbundene Probleme in katholischen, lutherischen und reformierten Gemeinschaften. Beispielsweise konnte den verdammten Täufern eine Dürre oder ein marodierendes türkisches Heer zur Last gelegt werden. Bevor die Hexenverfolgung während des späten 16. Jahrhunderts einsetzte, litt keine frühneuzeitliche Gruppe angeblicher „Abweichler“ mehr unter institutionalisierter →Verfolgung oder provozierte mehr bösartige Streitschriften als die Täufer.

Streitschriften waren oft, jedoch nicht immer →Flugschriften oder Flugblätter und profitierten von diesem neuen Massenmedium der Frühen Neuzeit. Viele Streitschriften waren längere Traktate, die nicht für den „gemeinen Mann“, sondern nur für gelehrte oder adlige Leser bestimmt waren. So rangieren die antitäuferischen Streitschriften von Flugblättern, die eine bestimmte Täufergruppe schmähten, bis zu längeren theologischen Traktaten gegen die Erwachsenentaufe (→Taufe) →Gütergemeinschaft und andere Glaubensanschauungen sowie Ordnungen der Täufer, die von den katholischen, lutherischen und reformierten Kirchen für häretisch oder schismatisch gehalten wurden. Einige dieser Schriften beschäftigen sich auf ernsthafte Weise mit täuferischen Glaubensauffassungen, während andere sich auf stereotype, in einigen Schlüsselmomenten der frühen Täufergeschichte entstandene Argumente beschränkten, vor allem auch im →Bauernkrieg (1524-1525) und der Täuferherrschaft in Münster 1534-1535. Die Täuferherrschaft in Münster wirkte sich auf das Täufertum so vernichtend aus, dass Autoren antitäuferischer Streitschriften nach 1535 sogar friedfertige Täufergruppen mit den münsterischen Täufern in einen Topf warfen, um sie in Grund und Boden zu verdammen.

3. Zugänge zur Erforschung der Streitschriften

Die antitäuferischen Streitschriften der Reformationszeit und des nachreformatorischen Zeitalters sind auf mindestens zweierlei Weise untersucht worden. Zunächst wurde ein chronologischer Rahmen gefunden, in den sich die Bedeutung des Bauernkriegs und der Täuferherrschaft in Münster für das rhetorische Werkzeug der katholischen, lutherischen und reformierten Streitschriftenautoren einspannen ließ. Auf dieser Grundlage können die Streitschriften grob in drei Kategorien eingeteilt werden: Antitäuferische Streitschriften vor Münster (1525-1534/35), antitäuferische Streitschriften nach Münster und vor dem Dreißigjährigen Krieg (1535-1618) und antitäuferische Streitschriften nach dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert. Die andere Untersuchungsweise konzentrierte sich auf den Inhalt der Streitschriften (s. 4. Konfessionstheologische Polemik).

1525 bis 1534/35

Schon vor der Täuferherrschaft in Münster wiesen die Gegner der Täufer oft darauf hin, dass die Wiedertaufe eine Ketzerei sei, die bereits im Codex Iustinianum 529 n. Chr. verurteilt worden war. Der katholische Thomas Morus sah in den Täufern, wie er in seiner Confutatio der Werke Tindals (1532) schrieb, eine bösartige alte Häresie. Trotz ihrer unzulänglichen Kenntnis der verschiedenen Täufergruppen und Kernaussagen des täuferischen Glaubens stimmten Luther, Ulrich →Zwingli und später auch Johannes →Calvin darin überein, dass das Täufertum ein schwerer Irrtum sei, der bekämpft werden müsse. Zwingli schrieb Von der Taufe, von der Wiedertaufe, und von der Kindertaufe (1525) und In Catabaptistarum Strophas Elenchus (1527), Luther Von der Wiedertaufe an zwei Pfarrherrn (1528) und Calvin Psychopannychia (1534, veröffentlicht 1542), eine der ersten lateinischen Schriften gegen die Täufer, in denen der Begriff „Wiedertäufer“ verwendet wurde. Obwohl die ersten Wiedertaufen einige Monate nach dem Ende des Bauernkriegs stattfanden, beeilten sich die Autoren der frühen Streitschriften mit der Behauptung, dass die Täufer hinter dem Bauernaufstand gestanden hätten, da politische Empörung angeblich stets auf religiöse Häresie folge. Thomas Müntzer bot sich als Zielscheibe an, zahlreiche Gegner der Täufer wiesen aber auch auf Balthasar →Hubmaier hin, der zwei Programmschriften der Schwarzwälder Bauern geschrieben oder herausgegeben haben soll und die Stadt Waldshut 1524 drängte, sich der vorderöstereichischen Obrigkeit zu widersetzen. Der berühmteste Gegner Hubmaiers war Johannes Faber (1478-1541). Er verhörte Hubmaier im Gefängnis und veröffentlichte das Verhör unter dem Titel Ursach warumb der Widertauffer Patron und erster Anfenger Doctor Balthasar Huebmayr zu Wien auf den zehten Martii Anno 1528 verbrennet sey (1528).

Während es historische Verbindungen zwischen ehemaligen Bauernrebellen und Täuferführern tatsächlich gab, interessierte das damals diese Autoren nicht. Ihnen war vor allem daran gelegen, die täuferische Ketzerei mit politischer Anarchie in Verbindung zu bringen. Der wichtigste lutherische Gegner der Täufer war beispielsweise Justus Menius, der seinen ersten Angriff auf die Täufer unter dem Titel Der widerteuffer lere und geheimnis aus heiliger Schrift widerlegt (1530) veröffentlichte. Menius sprach das geheimnisvolle und verschwiegene Wesen der Täufer an und drängte die weltlichen Behörden, unverzüglich gegen die Täufer vorzugehen. Die Vermischung täuferischer Positionen mit anderen „Häresien“ sollte fortan das Charakteristikum der antitäuferischen Streitschriften bleiben. Ein anderer früher Gegner der Täufer war Wolfgang Musculus, der gegen die Täufer in Augsburg kämpfte. Er schrieb die erste Streitschrift, in der besonders der Eid zur Erlangung der Bürgerrechte verteidigt wurde: Ain frydsams vnnd Christlichs Gesprech ains Euangelischen auff ainer, vnd ains Widerteuffers, auff der andern seyten, so sy des Aydschwurs halben thund (1533).

1534/35 bis 1618

Zahlreiche antitäuferischer Streitschriften wurden zwischen der nachmünsterischen Periode und dem Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs geschrieben. Das war auch die schwierigste Zeit, in der die täuferischen Gruppen entstanden und sich konsolidierten, die bis heute überlebt haben. Während die frühere Periode von der protestantischen Ablehnung der Täufer beherrscht wurde, gesellten sich katholische Kontroverstheologen hinzu, als die Gegenreformation in einigen Gegenden Europas einsetzte. Diese Periode ist für den stereotypen Gebrauch des Vorwurfs bemerkenswert, dass alle Täufer, auch die friedfertigen Mennoniten, die Schweizer Täufer und die Hutterischen Brüder insgeheim Münsteraner gewesen seien, die nur darauf warteten, die gesellschaftliche Ordnung zu zerstören. Dieser Vorwurf reihte sich in die üblichen antitäuferischen Argumente ein: dass die Täufer von der alten Kirche verdammt worden seien, dass sie das „einfache Volk“ verführten, dass sie das ewige Leben ihrer ungetauften Kinder aufs Spiel setzten, dass sie den Bauernkrieg entfacht hätten und dass die Eidverweigerung der Täufer die gesellschaftliche Ordnung in Mitleidenschaft zöge.

Der erwähnte stereotype Vorwurf geht auf die angeblichen Exzesse des „Schneiderkönigs“ von Münster zurück, Jan van Leiden und dessen Anhänger während der kurzen Täuferherrschaft in der Stadt. Darüber hinaus fanden Autoren von antitäuferischen Streitschriften wie Martin Luther und Heinrich →Bullinger unmittelbar nach der Niederlage Münsters ein willkommenes Bindeglied zwischen dem Namen Thomas Müntzers und der Stadt Münster, trotz der Tatsache, dass Müntzer kein Täufer war. Die Verwicklung Müntzers in den Bauernkrieg reichte den Autoren der antitäuferischen Streitschriften, um das Täufertum als eigentliche Ursache des Bauernkriegs und der Katastrophe von Münster zu verurteilen. Dieser stereotype Vorwurf überlebte, obwohl zahlreiche Täufer das Täuferreich zu Münster selbst abgelehnt hatten. So benutzte Christoph Erhard, der katholische Kontroverstheologe und Gemeindepriester im mährischen Nikolsburg, während der frühen 1580er Jahre diesen Vorwurf wiederholt gegen die Hutterer in seiner Gründliche(n) Kurtz Verfaste Historia Von Münsterischen Widertauffern: und wie die Hutterischen Brüder so auch billich Widertauffer genent werden (1588/1589). Ein anderer Kontroverstheologe, der Jesuit Christoph Andreas Fischer verhöhnte den hutterischen Vorsteher Klaus Braidl als den Erben Jan van Leidens und nannte ihn in dem polemischen Schlagabtausch mit diesem hutterischen Anführer zwischen 1603 und 1604 einen „Schusterkönig“. Fischer setzte auch einen Holzschnitt auf die Titelseiten der beiden späteren Streitschriften. Diese Holzschnitte zeigten neben anderen antitäuferischen Bildern die Symbole des Backens (wohl eine Anspielung auf das Abendmahlsbrot, das Bernt Rothmann in Münster backen ließ und der deshalb als „Stutenbernd“ verhöhnt wurde) und der Herstellung von Schuhen. Verschlüsselte Holzschnitte waren eine andere Weise, die Botschaft der antitäuferischen Streitschriften in dieser kritischen Periode der Täufergeschichte unter ihre Leser zu bringen.

1618 bis 1700

In der frühen Zeit des Dreißigjährigen Kriegs wurden die Schweizer Täufer und die Hutterischen Brüder über ganz Europa verstreut oder größtenteils im Zuge organisierter Sozialdisziplinierung in den Untergrund getrieben, die von der römischen Kirche und den Protestanten, vor allem von den Reformierten in den schweizerischen Kantonen gegen die Täufer eingesetzt wurde. Nur den Mennoniten war es gelungen, eine Art sozialer Stabilität in den Niederlanden zu erlangen, allerdings fanden sie viele Feinde unter den konfessionellen Gegnern, die über die Toleranz, die den Mennoniten gewährt wurde, klagten. Diese antimennonitischen Schriften warnten die Menschen vor den Gefahren, die von Glaubensauffassungen der Täufer ausgingen, beispielsweise von der häretischen Vorstellung des himmlischen Fleisches Christi. Im Allgemeinen war die Rhetorik dieser späteren antitäuferischen Streitschriften weniger harsch als früher.

Das münsterische Stereotyp war in dieser Zeit nicht mehr die beherrschende rhetorische Strategie. Das vorbildliche Leben und die fairen wirtschaftlichen Usancen der Mennoniten zeigten ihren Nachbarn auf nachhaltige Weise, dass die Täufer keine Wölfe in Schafskleidern waren. Die Menschen beargwöhnten zwar immer noch die täuferische Häresie, aber die Autoren der Streitschriften nahmen nicht mehr automatisch an, dass die täuferischen Glaubensauffassungen notwendigerweise ins politische Chaos führen mussten.

4. Konfessionstheologische Polemik

Antitäuferische Streitschriften können auch unter inhaltlichen Gesichtspunkten zusammengestellt werden, um die konfessionellen Gegner zu überzeugen, wie denn wichtige theologische und kultische Unterscheidungsmerkmale unter Lutheranern, Katholiken und Reformierten die Sichtweise dieser Autoren bestimmten. So waren die antitäuferischen Streitschriften nicht nur von einer Vielfalt rhetorischer Strategien gekennzeichnet, sondern auch von grundsätzlichen theologischen Angriffen, die auf die konfessionelle Überzeugung ihrer Autoren zurückgingen.

Lutherische Streitschriften

Martin Luther und die späteren Lutheraner wie Philipp Melanchthon, Justus Menius, Urbanus Rhegius und Jakob Andreae konzentrierten ihre Angriffe auf die täuferische Zurückweisung des Gnadenempfangs durch die Taufe und das Abendmahl. Die Säuglingstaufe zurückzuweisen, bedeutete Gottes durch das Wasser und das Wort vermittelte Gnade zurückzuweisen und deshalb die kleinen Kinder angeblich der Hölle zu überlassen. Für die Lutheraner, ebenso wie für die Reformierten, war es die Pflicht der Eltern, ihre Kinder taufen zu lassen, und die Kindertaufe infrage zu stellen, war die Übertretung des Gebotes, die Eltern zu ehren und zu lieben. Weil die Lutheraner eine hohe Meinung vom Gehorsam gegenüber der weltlichen Obrigkeit hatten, waren der Bauernkrieg und später die Täuferherrschaft in Münster eine gute Quelle, aus der Munition für ihre Polemik bezogen werden konnte. Luther und seine Anhänger waren der Meinung, dass bürgerlicher Ungehorsam die natürliche Ordnung dieser Welt ganz und gar umstürzen würde und folgerichtig ins Chaos führen müsste. Jakob →Andreae (1528-1590) ragt als einer der wichtigsten Autoren antitäuferischer Streitschriften während der nachreformatorischen Zeit besonders heraus. Wie viele andere Streitschriftenautoren in den drei traditionellen Konfessionskirchen bemerkte er, dass die augenfällige Heiligkeit der Täufer ein Beleg für ihren teuflischen Ursprünge gewesen sei.

Reformierte Streitschriften

Reformierte Autoren antitäuferischer Streitschriften, Zwingli, Bullinger, Martin Bucer und Calvin, betonten die Bedeutung der Taufe für den Eintritt in die Gemeinde. In den Augen der Reformierten wiesen die Täufer die Taufe als ein Symbol für den Eintritt in den Bund mit Gott zurück, und das bedeutete für sie eine Brüskierung des wahren christlichen Gemeinwesens. Da für Reformierte und Täufer die Gegenwart Gottes in den Sakramenten kein Thema war - beide Gruppen auf deren symbolischen Charakter hinwiesen -, kritisierten die Reformierten die Täufer, weil diese die wichtigen bürgerlichen und religiösen Funktionen des Lebens preisgegeben hätten. Darüber hinaus geriet das täuferische Ideal der Absonderung direkt mit den verschiedenen reformierten Bemühungen um eine Theokratie in Konflikt.

Heinrich Bullinger brachte diese Positionen während seiner langjährigen Tätigkeit als Haupt der Reformierten Kirche in Zürich (1531-1575) zum Ausdruck und schrieb mehrere antitäuferische Streitschriften. Besonders bemerkenswert ist darunter: Von dem unverschampten frävel, ergerlichen verwyrren unnd unwarhajjtem leeren der selbsgesand-ten Widertöuffern, vier gespräch Bücher, zu verwarnenn den einfalten, Durch Heinrychen Bullinger geschriebenn. Een guter bericht vonn Zinsen. Ouch ein schöne underwysung von Zähenden (1531), diese Schrift wurde später von Leo Jud unter dem Titel Adversus Omnia Catabaptistarum prava dogmata übersetzt und 1535 veröffentlicht. Hier greift Bullinger viele täuferische Glaubensauffassungen an, vor allem auch ihren Anspruch, eine fleckenlose und reine Kirche Gottes errichtet zu haben. Während Zwinglis und Bullingers Zürich und später Calvins Genf in der Tat den Glauben an die direkte göttliche Führung des politischen Gemeinwesens voraussetzten, glaubten die Täufer, dass ihre Glaubensgemeinschaften nichts mit der gefallenen Welt der Gottlosen zu tun haben sollten. Schließlich unterstrichen die Reformierten die sektenhafte Natur und das anarchische Potential der Täufer so stark, weil sie sich gegen die katholischen und lutherischen Vorwürfe, auch sie seien eigentlich Täufer, zur Wehr setzen mussten.

Katholische Streitschriften

Für katholische Streitschriften sind einige theologische Schlüsselstrategien charakteristisch, die auf der ekklesiologischen Annahme beruhen, dass das Heil in der wahren Kirche liege, die als corpus permixtum, einer Körperschaft aus Geretteten und Verdammten, verstanden wird. Erstens bemerkten katholische Autoren antitäuferischer Streitschriften oft, dass das Täufertum nur eine Neuauflage der Ketzereien sei, mit denen die Kirche es schon früher zu tun und die sie niedergeworfen hatte. Deshalb erstellten sie eine Genealogie der Häresie, in der die Täufer schließlich auf den Teufel, den Vater der Lüge, zurückgeführt wurden. Zweitens wiesen die Katholiken auch auf die kultische Armut der Täufer hin und bemerkten, dass die Sakramente, Feiertage und andere Rituale der Kirche in der Schrift gegründet seien und das Heil wirkten, auch wenn die Täufer das Gegenteil behaupteten. Wie die Protestanten machten auch die Katholiken vom stereotypen Münstervorwurf in ihren antitäuferischen Streitschriften vollen Gebrauch. Sie nahmen jede Gelegenheit wahr, die sich ihnen bot, um zu behaupten, dass alle Täufer nur darauf warteten, sich wieder zu erheben. Darüber hinaus bemerkten die Katholiken, dass jede Abweichung von der wahren Kirche, die vom Heiligen Geist geführt werde, häretisch sei. Darin warfen sie die Täufer in einen Topf mit Lutheranern und Reformierten. Für die katholischen Streitschriftenautoren war das Täufertum das Ergebnis der reformatorischen Glaubensspaltung. Für die katholischen Autoren stand der theologische Aspekt an erster Stelle: die Täufer hätten sich von der wahren Kirche in Rom getrennt und dürften deshalb nicht geduldet werden.

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Adam W. Darlage

 
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