Klassen, Cornelius Franz

geb. am 22. Juli 1894 in Neu Samara (Pleschanovo), Russland, gest. am 8. Mai 1954 in Gronau/Westf., Deutschland; Beauftragter des Mennonite Central Committee für europäische Flüchtlingsangelegenheiten.

C. F. Klassen wurde in der mennonitischen Kolonie Neu Samara 1894 geboren und 1910 in der Mennoniten-Brüdergemeinde von Donskoy getauft. Er arbeitete als Bürogehilfe im Geschäft der Familie und mit einer deutschen Handelsfirma in Moskau. Hier wurden die Grundlagen für seine frühe Karriere als politischer Repräsentant der sibirischen Mennoniten in Moskau gelegt. Als er gezwungen war, Sowjetrussland 1928 zu verlassen und nach Kanada auszuwandern, setzte er seine Arbeit für die Einwanderer fort. Er arbeitete mit dem kanadischen Mennonite Board of Colonization und der Canadian Pacific Railroad zusammen, um die Schulden abzutragen, die vom Board für die Einwanderung gemacht worden waren. Auch vertrat er mennonitische Interessen am Ersatzdienst gegenüber der Regierung. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu seinem plötzlichen Tod 1954 diente er dem →Mennonite Central Committee als Beauftragter für die Auswanderung europäischer Flüchtlinge und ermöglichte es ungefähr 15000 russischen, west- und ostpreußischen Flüchtlingen, eine neue Heimat in Nord- oder Südamerika zu finden.

Nach dem Besuch einer dörflichen Grundschule wechselte er auf die mennonitische Zentralschule in Karassan auf der Krim über. Als der Erste Weltkrieg seine Vorbereitungen für ein medizinisches Studium unterbrach, trat er in den Dienst des neugegründeten mennonitischen Forsteidienstes ein, wo es ihm schnell gelang, eine Führungsposition einzunehmen. Seine natürlichen Begabungen, die Tatsache, dass er mehre Sprachen fließend sprach, und seine christlichen Überzeugungen prädestinierten ihn notwendigerweise dafür, in vier besonderen Bereichen des Dienstes für die mennonitische Gemeinschaft erfolgreich zu sein: Er konnte gut analysieren, er war fähig, überzeugend zu sprechen und mit wichtigen Vertretern und Leitern anderer Denominationen sowie beruflicher Gruppen zu verhandeln. Auch konnte er klar und informativ schreiben. Diese Fähigkeiten, die von den bedrängenden Notwendigkeiten in Zeiten der Revolution und des Krieges gewetzt wurden, öffneten ihm Türen und verschafften ihm eine hilfsbereite Zuhörerschaft in Europa und Amerika.

Beispiele dafür, wie diese Fähigkeiten zusammenwirkten, sind die komplizierten Verhandlungen, die er mit Maxim Litvinov (Auswärtiges Amt) und V. Bonch Bruevich, dem Sekretär in Lenins Rat der Volkskommissare, führte, um den Allrussischen Mennonitischen Landwirtschaftsverein zu gründen und die monatlich Erscheinende Zeitschrift Der praktische Landwirt herauszubringen. Diese Aktivitäten kamen den Mennoniten zugute und halfen ihnen, sich teilweise von den Verwüstungen durch die Revolution und den Bürgerkrieg wieder zu erholen. In seiner Arbeit im Europa nach dem Zweiten Weltkrieg waren es die erfolgreichen Verhandlungen, Vereinbarungen und Entwicklungen im Hinblick auf die International Refugee Organization (Internationale Flüchtlingsorganisation) wie mit den Direktoren der Schiffsgesellschaften und den ausländischen Diplomaten, die ihn und seine Mitarbeiter in die Lage versetzten, ungefähr ein Drittel der russischen Mennoniten zu retten, die den Sowjets gegen Ende des Krieges entkommen waren. Er pflegte vor allem die günstigen Beziehungen mit den Leitern der Internationalen Flüchtlingsorganisation (IRO), den amerikanischen Militärkommandanten und den Vertretern des Außenministeriums. Im Hinblick auf die kanadische Phase war möglicherweise eine andere Fähigkeit besonders wirksam: sein Geschick, Unternehmen innerhalb eines kollegialen Umfelds zu organisieren. Das schloss seine Arbeit mit dem Central Mennonite Immigrant Committee, dem Board of Colonization und dem Mennonite Central Committee mit ein. In der Bundesrepublik Deutschland gab er die internationale Gemeindezeitschrift Der Mennonit heraus und half bei den Gründungen von Siedlungen für westpreußische Mennoniten in →Espelkamp, →Backnang und →Enkenbach, ebenfalls bei der Errichtung der Mennonitischen Altenheime in Leutesdorf, Enkenbach und Pinneberg. Beteiligt war er auch an der Gründung der Bibelschule auf dem Bienenberg in der Schweiz.

Insgesamt war er durch den Zwang der Verhältnisse geworden, was nur wenige Mennoniten je angestrebt hätten, ein Diplomat, der erfolgreich daran arbeitete, das individuelle und das gemeinschaftliche Leben seines „Volkes“ in einer vom Krieg erschütterten Welt zu bewahren.

Literatur

Herbert und Maureen Klassen, Ambassador to His People: C. F. Klassen and the Russian Mennonite Refugees, Winnipeg 1990. - Gerhard Rempel, Cornelius Franz Klassen, Rescuer of the Mennonite Remnant (1894 - 1954), in: Harry Loewen (Hg.), Shepherds, Servants and Prophets: Leadership among the Russian Mennonites (ca. 1880 - 1960), Kitchener 2003, 193-212. - Nachlasspapiere C. F. Klassens befinden sich in den Mennonite Archives in Winnipeg, Goshen, Indiana und Newton, Kansas. - Siehe auch: Der Mennonit: Ein Gemeindeblatt zunächst für mennonitische Neusiedler in aller Welt, 1. Jahrgang, 1948, hg. von C. F. Klassen u. a.

Gerhard Rempel

 
www.mennlex.de - MennLex V :: art/klassen_cornelius_franz.txt · Zuletzt geändert: 2013/03/05 22:02 (Externe Bearbeitung)     Nach oben
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