Antiklerikalismus

1. Begriff

Antiklerikalismus ist ein Begriff, der im Zuge der Aufklärung entstand und im 19. Jahrhundert zu einer Kampfparole wurde, die dazu beitrug, die Religion aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Wie zahlreiche Begriffe, die mit der „ismus“- Endung auf ihren Ursprung in der Moderne verweisen, enthält auch der Antiklerikalismusbegriff einen „Veränderungskoeffizienten“ (R. Kosselleck) und unterstreicht die Absicht, den Einfluss des Klerus, gemeint ist vor allem der Klerus der römisch-katholischen Kirche, aus der Politik zu verbannen. Auf je verschiedene Weise ist das in Frankreich, Österreich und Deutschland geschehen. Seit einiger Zeit wird dieser Begriff auch genutzt, um die Spannungen zwischen Klerus und Laien im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit zu deuten und zu erklären, warum sich die Reformation so schnell in zahlreichen Reichsstädten und Territorien Europas durchsetzen konnte. Ein eindrucksvolles Zeugnis legt davon der voluminöse Forschungsband zu Anticlericalism in Late Medieval and Early Modern Europe (1993) ab.

Das moderne Antiklerikalismusverständnis kann jedoch nicht ohne weiteres auf vormoderne Verhältnisse angewandt werden. Damals ging es nicht darum, Religion und Kirche ins Private abzudrängen oder ganz und gar zu vernichten, sondern nur darum, Kritik am Klerus zu üben oder die Kirche vom klerikalen „Stand“ zu befreien, um die Kluft, die im Mittelalter zwischen dem Priester und dem Laien aufgerissen war, zu überwinden und die Kirche von Grund auf zu erneuern.

2. Vorreformatorische Kleruskritik

Priester, Mönche, Bischöfe, Kardinäle und der Papst wurden beleidigt und beschimpft, gelegentlich bedroht oder tätlich angegriffen, weil sie ihre Amtspflichten vernachlässigten und ein Leben führten, das den moralischen Anforderungen an den geistlichen Stand nicht entsprach. Mönche nutzten wirtschaftliche Privilegien in den Städten und übten eine eigene Gerichtsbarkeit aus, Priester waren vom Wehrdienst befreit und brachten Todgeweihte auf dem Sterbebett dazu, ihre Güter der Kirche zu vererben, so dass die Hinterbliebenen oftmals in wirtschaftliche Not gerieten. Solche Erfahrungen lösten Neid, Zorn und Wut aus und es fiel den Laien immer schwerer, die Sorge für ihr Heil denjenigen anzuvertrauen, die sie von der Wiege bis zur Bahre beherrschten und schließlich in die Irre führten. Sich nicht „dermaßen regieren zu lassen“, war, wie der französische Philosoph Michel Foucault schrieb, der Ausgangspunkt neuzeitlicher Kritik an autoritärer und repressiver Macht - zunächst geistlicher und dann auch weltlicher Macht. Der Antiklerikalismus entwickelte sich also aus einer tiefen Sorge der Laien um ihr Heil. Sie wollten den Klerus nicht abschaffen, sondern nur zu seinen geistlichen Aufgaben zurückrufen, und weiterhin an der Hoffnung auf eine Reform des Klerus festhalten.

3. Reformatorischer Antiklerikalismus

Schärfere Töne gegen den Klerus wurden erst in den frühen Jahren der Reformation angeschlagen. Martin Luther erklärte in seiner Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation (1520), dass der Klerus als ein geistlicher Stand überflüssig sei, da das Heil dem Menschen sola gratia widerfährt und keiner priesterlichen Vermittlung bedarf. So wird die reformatorische Losung vom →„Allgemeinen Priestertum der Gläubigen“ zum positiven Ausdruck der radikalen Kritik am Klerus, und bald wird auch die Gemeinde, die ihre Pfarrer selbst wählt und die Lehre beurteilt, wie Martin Luther 1523 schrieb, zum Gegenstück einer Kirche des Klerus. Die Kirche wird nicht mehr über die Hierarchie des Klerus definiert (Corpus Iuris Canonici, c. 12, g. 1, c. 7). Diese Botschaft zündete im „antiklerikalen Milieu“, das vor der Reformation entstanden war, und radikalisierte die Predigten, Flugschriften und die Agitation, mit denen die reformatorische Erneuerung der Kirche, ja, der gesamten Christenheit vorangetrieben wurde. Predigten wurden unterbrochen, Messgottesdienste gestört, Bilder in den Kirchen gestürmt. Mönche und Nonnen verließen ihre Klöster. Bauern begehrten gegen klösterliche und geistliche Grundherrschaften auf. Außerdem meinten sie, dass nicht die klerikale Hierarchie, sondern die bäuerlichen Lebensgemeinschaften, die sich um die Lektüre der Heiligen Schrift bildeten, die von der →Gemeindereformation geformte wahre Kirche sei. Der →Bauernkrieg trug vom Anfang bis zum Ende antiklerikale Züge. Die reformatorischen Losungen wurden kommunal rezipiert, bald auch gegen die weltlichen Obrigkeiten ins Feld geführt. Diese Losungen gewannen im antiklerikalen Milieu ihre politische und soziale Sprengkraft. In der Laienkultur, die nun entstand, war für den Priester kein Platz mehr.

4. Antiklerikale Impulse im Täufertum

Nach dem Zusammenbruch der kommunalistisch-revolutionären Erhebungen des „gemeinen Mannes“ um 1525 trat der antiklerikale Reformimpuls besonders deutlich in den Bewegungen der Täufer in Erscheinung. In den Texten, die von →Täufern aus der Schweiz, Mittel- und Oberdeutschland, den Niederlanden und Niederdeutschland überliefert sind, finden sich starke, teilweise maßlose Ausfälle gegen den Klerus, wie vorher auch schon bei Thomas Müntzer. Es sind Verbalinjurien und anzügliche Gesten, die gegen den römisch-katholischen Klerus, bald auch gegen die Wortführer der reformierten und lutherischen Kirchen eingesetzt wurden und schließlich auch die weltlichen Obrigkeiten treffen sollten. Die Täufer weigerten sich, an klerikalen Zeremonien teilzunehmen (am Messgottesdienst, an Säuglingstaufe, (→Beichte und →Abendmahl). Sie verunglimpften luxuriöses Kultgerät, Bilder, Statuen, Kruzifixe und ewiges Licht (→Bildersturm). Die lateinische Kultsprache war ihnen suspekt, auch lehnten sie Kultgewänder und Orgelmusik ab. Schließlich weigerten sie sich, in die „Kirchen aus Stein“ zum Gottesdienst zu gehen. Sie lehnten die kultische Welt des Klerus ab und begannen, eine Religiosität der Alltäglichkeit zu pflegen. An dieser antiklerikalen Agitation beteiligten sich Männer und Frauen, Gebildete und Ungebildete, ehemalige Priester und entlaufene Ordensleute. Die Kontraste, die im antiklerikalen Milieu zu Tage traten, prägten sich ein und formten die Gedankenwelt der Täufer und die Organisation ihrer Gemeinden.

Bild und Gegenbild, verkommener Priester und frommer Laie - dieser Kontrast durchzog die Frömmigkeit der Täufer. So erklärt es sich, dass nicht die Rechtfertigung des Sünders aus Gnade allein im Zentrum ihrer Frömmigkeit stand, sondern die „Besserung des Lebens“, eine Ethisierung des Glaubens. So erklärt sich auch der Akzent, der auf das Kirchenverständnis gelegt wurde. Wurde im spätmittelalterlichen Katholizismus die Kirche um den Priester versammelt, so strebten die Täufer eine Kirche an, in der die Gläubigen sich um das von ihnen gelesene und gehörte Wort Gottes zu einer Gemeinde sammelten. Menno Simons spitzte den Kontrast zu und stellte der „Ecclesia Antichristi“ die „Ecclesia Christi“ gegenüber. Unter diesem Gesichtspunkt wird verständlich, warum die Täufer sich weniger um die Lehre als viel mehr um die Ordnungen (Taufe, Abendmahl, Bann, Predigerwahl, gegenseitige Hilfe) in der Kirche bemühten. - Die Täufer verwarfen die Schlüsselgewalt des Klerus, d. h. Vergebung der Sünden zu gewähren oder zu verweigern. Die Banngewalt wurde dem Priester aus der Hand genommen und der Gemeinde anvertraut. Diese hatte mit der Ordnung des Banns (Matth. 18, 15-18) ein Instrument erhalten, Glaubensschwache zum Gehorsam unter dem Wort Gottes zurückzurufen und uneinsichtige Sünder aus der Gemeinde auszuschließen. Die Bannpraxis ist als Beistand gedacht, den Brüder einander gewähren, um ein Leben in der Nachfolge Christi verantwortungsvoll führen zu können. Sie ist Merkmal und Funktion einer brüderlich verfassten Gemeinschaft (→ Liebe) - der eklatante Gegensatz zur hierarchisch verfassten Kirche des römisch-katholischen Klerus und zur herrschaftlichen Ausübung priesterlicher Gewalt zu binden und zu lösen, was im Himmel gebunden und gelöst sein wird. Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass bedeutende Wortführer der Täufer ehemals Kleriker waren. Sie hatten zwar mit ihrem klerikalen Vorleben gebrochen, dennoch Züge des „homo spiritualis“ bzw. des „homo perfectus“ ins Täufertum hinübergerettet. Besonders deutlich ist das bei Michael Sattler, dem entlaufenen Prior eines Benediktinerklosters, im Schleitheimer Bekenntnis (1527) zu beobachten. Die Welt der „Vollkommenheit Christi“, die auf das Kloster eingegrenzt war, wurde jetzt auf die Gemeinde der Gläubigen übertragen: eine abgesonderte, in der „Vollkommenheit Christi“ stehende Gemeinschaft, auch eine friedfertige Gemeinschaft, deren Mitglieder sich nicht am Kriegsdienst beteiligten, wie ja die Mönche seit jeher nicht zum Wehrdienst herangezogen worden waren. Trotz der antiklerikalen Invektiven wurde, was der Kritik der Täufer am Klerus standhielt, in die Reformation hinübergerettet.

Die stark ausgeprägten Erscheinungsformen des Antiklerikalismus zeigen deutlich, dass die täuferischen Bewegungen im antiklerikalen Milieu des reformatorischen Aufbruchs geboren wurden. Allerdings wurden die Impulse aus diesem Milieu in den verschiedenen reformatorischen →Bewegungen unterschiedlich aufgenommen und weiterentwickelt. Das antiklerikale Milieu ist der Nährboden nicht nur für die Vielfalt der reformatorischen Bewegungen allgemein, sondern auch für die täuferische Bewegungsvielfalt im Besonderen.

5. Erklärungsmodell

Eine Erneuerung der Kirche konnten sich die Täufer, wie alle Reformwilligen in der frühen Reformationszeit, offensichtlich nur vorstellen, wenn Wege gefunden würden, den Klerus aus dem religiösen Leben auszuschalten. In der neueren Diskussion um die Verwendung des Antiklerikalismusbegriffs ist das gelegentlich so verstanden worden, als seien die religiösen Motive, Visionen und Anschauungen der Täufer auf die sozial orientierte Kleruskritik eingeschränkt worden. Das ist aber nicht der Fall. Mit dem Antiklerikalismusbegriff bietet sich vielmehr ein Modell an, die Täufer aus der Situation heraus zu verstehen, in der sie glaubten, dachten und handelten. Mit Hilfe dieses Modells wird nach dem „Sitz im Leben“ täuferischer Äußerungen in Wort, Verhalten und Handeln gefragt. Es handelt sich also um ein formgeschichtliches Erklärungsmodell. Die theologischen Ideen der Täufer, aber auch der lutherischen und reformierten Reformatoren, werden nicht aus einer bestimmten Situation abgeleitet. Es wird nur darauf geachtet, wie solche Ideen sich in einer konkreten Situation einstellten, dort ihre sprachliche Form und agitatorische Richtung fanden, wohl auch die Ziele, die sie anstrebten. Ein solches Erklärungsmodell schließt überhaupt nicht aus, dass die Täufer ihre Gedankenwelt am biblischen Zeugnis orientierten und auf den Heiligen Geist vertrauten, der sie durch Anfechtung, Trübsal und Tod in alle Wahrheit leiten würde. Mit diesem Modell lässt sich vielmehr gerade zeigen, wie die Täufer in ihrer konkreten Situation die Heilige Schrift lasen, worauf sie in der unausgeglichenen Vielfalt der biblischen Schriften den Akzent legten und warum sie biblische Stellen so und nicht anders deuteten. Mit diesem Modell lässt sich auch erklären, wie und warum Apokalyptik, Mystik, Spiritualismus, Sakramentskritik und Streben nach religiöser Vollkommenheit, die sich im Traditionsgut des Mittelalters entfaltet hatten, aufgenommen und auf ganz unterschiedliche Weise weiter verarbeitet wurden. Das Antiklerikalismusmodell vermag den Entstehungszusammenhang zwischen reformatorischen und täuferischen Bewegungen zu erklären und tief in den inneren Aufbau der täuferischen Bewegungen einzuführen.

Literatur

Art. Anticlericalism (Hans-Jürgen Goertz), in: The Oxford Encyclopedia of the Reformation, hg. von Hans J. Hillerbrand, Bd. 1, S. 46 - 51 (Lit.). - Henry J. Cohn, Reformatorische Bewegungen und Antiklerikalismus in Deutschland und England, in: Wolfgang J. Mommsen u.a.. (Hg.), Sozialgeschichte der Reformation in England und Deutschland, Stuttgart 1979, S. 309 - 329. - Dipple, Geoffrey, Woe unto you Stomachpreachers, Cheesebeggars, and Hypocrites!: Antifraternalism and Reformation Anticlericalism, Aldershot 1996. - Peter A. Dykema und Heiko A. Oberman (Hg.), Anticlericalism in Late Medieval and Early Modern Europe, Leiden 1993. - Michel Foucault, Was ist Kritik?, Berlin 1992. - Hans-Jürgen Goertz, Die Täufer. Geschichte und Deutung. 2. Aufl., München 1988. - Ders., Antiklerikalismus und Reformation. Sozialgeschichtliche Untersuchungen. Göttingen 1995. - Ders., Machtbeziehungen in der Zürcher Reformation. Noch einmal: Zwingli und die Täufer. In: Alfred Schindler und Hans Stickelberger (Hg.), Die Zürcher Reformation: Ausstrahlungen und Rückwirkungen, Bern u.a. 2001, 43-75. - Marion Kobelt-Groch, Frauen gegen Geistliche: Weiblicher Antiklerikalismus in frühreformatorischen und täuferischen Bewegungen, in: Mennonitische Geschichtsblätter 49 (1992), S. 21 - 31. - Reinhart Koselleck, >Neuzeit<. Zur Semantik moderner Bewegungsbegriffe. In: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. 4. Aufl., Frankfurt/M. 1985, S. 300 - 348. - Robert W. Scribner, Antclericalism and the German Reformation, in: ders., Popular Culture and Popular Movements in Reformation Germany, London und Ronceverte 1987, S. 243 - 256. - C. Arnold Snyder, Biblical Text and Social Context: Anabaptist Anticlericalism in Reformation Zürich, in: Mennonite Quarterly Review 65 (1991), S. 169 - 191. - James M. Stayer, Anticlericalism: A Model for a Coherent Interpretation of the Reformation, in: Hans R. Guggisberg und Gottfried G. Kroedel (Hg.), The Reformation in Germany and Europe: Interpretations and Issues, Gütersloh 1993, S. 39 - 47. - Andrea Strübind, Eifriger als Zwingli. Die frühe Täuferbewegung in der Schweiz. Berlin 2003, S. 582 - 585.

Hans-Jürgen Goertz

 
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