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Sattler, Michael

geb. um 1490, gest. am 20. Mai 1527 in Rottenburg am Neckar, Würrtemberg (verbrannt); Benediktinermönch, täuferischer Märtyrer, Autor der Sieben Artikel von Schleitheim (1527).

Bevor er Täufer wurde, verbrachte der aus dem badischen Staufen stammende Michael Sattler ungefähr zwanzig Jahre in St. Peter, einem Kloster des Benediktinerordens auf dem Schwarzwald bei Freiburg im Breisgau. Gefördert wurde er höchstwahrscheinlich von Peter III. Gremmelsbach, dem Abt, in dessen Amtszeit er in das Kloster eingetreten war. Der Nachfolger als Abt war Jodocus Kaiser, er entwickelte sich nach seiner Wahl 1512 zu einem Parteigänger Habsburgs und Gegner der Reformation. Unter diesem Abt wurde Sattler Prior des Klosters, letztlich aber war er von dessen Berufung enttäuscht. Sattler verließ das Kloster um 1524, als die Bauernunruhen auch die Grundherrschaft des Klosters erreichten, und floh in das Herrschaftsgebiet Zürichs, in dem sich die Reformation durchzusetzen begann. Hier gesellte er sich zu den →Täufern, den radikalen Gegnern der obrigkeitsgestützten Reformation ⇒ Ulrich Zwinglis. Sattlers früheste missionarische Aktivität als Täufer ist für Juni 1526 belegt, als er im Zürcher Unterland und später im badischen Lahr für das Täufertum warb. Er erscheint dann in den Gerichtsprotokollen vom Dezember 1526 oder Januar 1527 in →Straßburg, wo er sich jetzt als Anführer der Täufer bei den führenden Geistlichen der Stadt einsetzte, gefangen gehaltene Täufer wieder auf freien Fuß zu setzen. Sein überlieferter Brief an ⇒ Martin Bucer und ⇒ Wolfgang Capito deutet eine Wende in der Ekklesiologie der Täufer an und gibt zu erkennen, dass er der eigentliche Autor der einflussreichen Sieben Artikel (→Bekenntnisse) war, die einige Wochen später, am 24. Februar 1527, in Schleitheim zustande kamen.

Das Vorwort zu den Sieben Artikeln gibt einige Auskünfte über die Hintergründe ihres Zustandekommens: „Es ist von etlichen falschen brüdern under uns vast große ergernuß ingefürt worden, das sich etlich von dem glauben abgewendt haben, in dem sie vermeynt haben die freiheyt deß geystes und Christi sich üben und brauchen.“ Offensichtlich wurde auf ein spiritualistisches Element unter den Täufern hingewiesen, das uns schon für jene Zeit durchaus bekannt ist (z.B. Hans Denck, damals ein prominenter Täufer in Straßburg). Die Sieben Artikel führten eine Reihe konkreter Praktiken auf, die die wahre Kirche ausmachen; in diesem Sinne waren sie antispiritualistisch ausgerichtet. Die Artikel beschreiben die Taufe der Gläubigen (Art. 1) und das Abendmahl, in dem an den Opfertod Christi gedacht wird (Art. 3). Die Gemeinden sollen eigene Gemeindeleiter wählen („Hirten“) und diese finanziell unterhalten(Art. 5). Die Disziplin der Gemeinde sollte nach den Vorschriften von Matth. 18 mit Hilfe des Banns aufrecht erhalten und die Gemeindezucht von den Gemeindeleitern durchgeführt werden (Art. 2). Diese vier Artikel fügen sich der Ekklesiologie ein, wie sie von ⇒ Balthasar Hubmaier 1525 in Waldshut ins Auge gefasst worden war. Die drei übrigen Artikel der Schleitheimer Vereinbarung Artikel 4 zur Absonderung und die Artikel 6 und 7 zur Schwertgewalt und zur Verweigerung des Eides - gingen auf Sattler zurück, und mit ihnen gab er der Ekklesiologie des süddeutschen Täufertums eine neue Gestalt. Der Artikel über die Absonderung gab den Ton für das ganze Dokument an: „Nun ist ye nutt anders in der welt und aller creatur als guotz und bös, glöubig und unglöubig, finsternus und liecht, welt und die uss der welt sind, tempel gottes und die götzen, Christus und Belial, und keins mag mitt dem andren kein teil han (…) In dem werden vermeint alle bäpstlich und widerbäpstich werck und gottesdient, versammlung, kilchgang, winhuser, burgschaften und verpflichten des ungloubens (…).“ Im Geist dieser Absonderung von der Welt und ihrer Gottlosigkeit wurde den Täufern jede Eidesleistung untersagt, jeder Gebrauch von Waffen und jede Übernahme öffentlicher Ämter. Die Trennung von täuferischer Gemeinde und weltlicher Obrigkeit war ein Grundsatz, der schon vorher von Felix Mantz vertreten wurde; die kategorische Ablehnung des Eides war hingegen neu.

Im Monat nach der Zusammenkunft einiger Täufer in Schleitheim reiste Sattler nach Württemberg, um die Leitung der Täufergmeinde in Horb zu übernehmen. Er wurde dort irgendwann vor dem 18. März 1527 mit seiner Frau Margareta in Haft genommen, einer ehemaligen Schwester aus der Gemeinschaft der Beginen, die er zuvor geheiratet hatte. Die offiziellen Vorwürfe, die im Prozeß verlesen wurden (auch seine Frau wurde mit Namen genannt), als auch ein Bericht von Sattlers vorausgegangener Befragung, sind noch vorhanden, ebenso die drei von einander unabhängigen Berichte vom Hergang des Prozesses. Nach einer besonders grausamen Folterung wurde Sattler am 20. Mai 1527 in Rottenburg am Neckar verbrannt. Seine Frau wurde zwei Tage später ertränkt, nachdem sie alle Angebote ausgeschlagen hatte, mit ihr barmherzig verfahren, wenn sie bereit wäre, ihren täuferischen Glauben zu widerrufen.

Da Sattler nur kurze Zeit als Täuferführer wirkte, setzte sein Einfluss so recht erst nach seinem Tode durch die Verbreitung der Sieben Artikel ein, ebenso seines apokalyptisch gestimmten Briefes aus dem Gefängnis an seine Gemeinde in Horb und des Berichts von seinem Martyrium. Da die Straßburger Reformatoren relativ tolerant waren, ließ Capito ihn als einen Märtyrer für die Sache Christi gelten, und eine grundsätzliche Rechtgläubigkeit wurde ihm von Bucer bescheinigt. Indessen wurden die Sieben Artikel von Zwingli im Elenchus (1527) genutzt, um die täuferische Bewegung zu beschreiben und anzugreifen. Sie trugen auch dazu bei, die theologische Tagesordnung der Gespräche zwischen den Täufern und den reformierten Prädikanten in Zofingen (1532) und Bern (1538) so festzusetzen, dass die Täufer von vornherein diskreditiert wurden. Diese Artikel bildeten auch die Grundlage für ⇒ Johannes Calvins Täuferverständnis und seine antitäuferischen Schriften. Schließlich dienten sie als eine Art Modell für das Leben der frühen Schweizer und süddeutschen Täufergemeinden. Wo die Obrigkeiten die Täufer einer starken Verfolgung aussetzten, haben diese Artikel einen stärkeren Einfluss ausgeübt und einen geringeren, wo, wie in Appenzell und Esslingen, protestantische Obrigkeiten mit den Täufern relativ tolerant verfuhren. Unter den Anhängern Pilgram Marpecks erhielten die Schleitheimer Artikel eine weniger separatistische und dualistische Deutung. Erst nach 1560 wurden die Sieben Artikel und der Bericht vom Martyrium Sattlers ins Holländische übersetzt; und sie erlangten dort niemals dieselbe Anerkennung unter den Mennoniten und Taufgesinnten wie im Süden.

Quellen

Heinold Fast (Hg.), Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz, Bd. 2: Ostschweiz, Zürich 1973. - John H. Yoder (Hg.), The Legacy of Michael Sattler, Bd. 1: Classics of the Radical Reformation, Scottdale, Pa. 1973.

Literatur

Klaus Deppermann, Michael Sattler - Radikaler Reformator, Pazifist, Märtyrer, in: ders., Protestantische Profile von Luther bis Francke. Sozialgeschichtliche Aspekte, Göttingen 1992, 48 - 64. - Heinold Fast, Michael Sattler´s Baptism: Some Comments, in: Mennonite Quarterly Review 60, 1986, 364 - 373. - Martin Haas, Michael Sattler. Auf dem Weg in die täuferische Absonderung, in: Hans-Jürgen Goertz (Hg.), Radikale Reformatoren. 21 biographische Skizzen von Thomas Müntzer bis Paracelsus. München 1978, 115 - 124. - Hans-Otto Mühleisen, Michael Sattler (ca. 1490 - 1527). Leben aus den Quellen - Treue zu sich selbst, in: Mennonitische Geschichtsblätter 61, 2004, 31- 48. - C. Arnold Snyder, Rottenburg Revisited. New Evidence Concerning the Trial of Michaedl Sattler, in: Mennonite Quarterly Review 54, 1980, 208 - 228. - C. Arnold Snyder, The Life and Thought of Michael Sattler, Scottdale, Pa. 1984. - C. Arnold Snyder, Michael Sattler´s Baptism. Some Comments in Reply to Heinold Fast, in: Mennonite Quarterly Review, 62, 1988, 496 - 506. - C. Arnold Snyder, The Influence of the Schleitheim Articles on the Anabaptist Movement. An Historical Evaluation, in: Mennonite Quarterly Review 63, 1989, 323 - 344. - C. Arnold Snyder, The Birth and Evolution of Swiss Anabaptism, 1520 - 1530, in: Mennonite Quarterly Review 80, 2006, 501 - 645.

James M. Stayer

 
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