Froschauer-Bibeln

1. Die Druckerei Christoph Froschauers

Die von verschiedenen täuferischen Richtungen über Jahrhunderte gelesenen und nachgedruckten Froschauer-Bibeln gehen auf den Zürcher Buchdrucker Christoph Froschauer d. Ä. (um 1490-1564) zurück, dessen Offizin nach seinem Tod von seinem Neffen Christoph Froschauer d. J. (1532-1585) weitergeführt wurde. Der vermutlich aus dem bayrischen Altötting eingewanderte Drucker führte die sogenannte Schwarze Kunst in Zürich zwar nicht ein, kann aber als wichtigster Drucker des 16. und 17. Jahrhunderts in der Limmatstadt bezeichnet werden. Seine Gesamtproduktion während der Jahre 1519 bis 1564 belief sich auf nahezu 800 Titel, womit er mit den grossen Namen Basels und anderer wichtiger europäischer Druckzentren in einem Atemzug genannt werden kann. Produktionsschwerpunkt bildeten die Schriften der Zürcher Reformatoren und deutsche Bibeln nach der Übersetzung Huldrych →Zwinglis (1484-1531) und des um ihn versammelten Übersetzerkreises, denen es gelang, bereits 1529 die erste aus den Ursprachen ins Deutsche übersetzte Bibel vorzulegen, während die vollständige Luther-Bibel erst 1534 erschien. Die Zürcher griffen dabei auf Vorarbeiten Luthers und die 1527 in Worms veröffentlichte Übersetzung der alttestamentlichen Propheten aus der Feder der beiden Täuferführer Hans →Denck (um 1495-1527) und Ludwig →Hätzer (vor 1500-1529) zurück (→Wormser Propheten), was ihre Arbeit beschleunigte. 1539/40 wurde das Alte Testament unter Mitarbeit des jüdischen Konvertiten Michael Adam einer gründlichen Revision unterzogen.

2. Die Froschauer-Bibel und die Täufer

Zürich blieb während des 16. und 17. Jahrhunderts bis zum Erscheinen der Berner Piscator-Bibel 1684 das Zentrum für den deutschsprachigen reformierten Bibeldruck, während sich Basel auf lateinische und ursprachliche Bibelausgaben konzentrierte. Die Zürcher Froschauer-Bibel erfreute sich nicht nur unter den Reformierten, sondern auch unter den →Täufern großer Beliebtheit. Letztere bevorzugten Ausgaben vor der Adamschen Überarbeitung, freundeten sich aber auch mit den späteren Froschauer-Bibeln an. Auf völlige Ablehnung stiessen die reformierten Bibelrevisionen des 17. Jahrhunderts, so etwa unter der Leitung von Antistes Johann Jakob Breitinger (1575-1645), oder auch die erwähnte Berner Piscator-Bibel. Der Grund für die große täuferische Anhänglichkeit zur Froschauer-Bibel liegt gemäss den Aussagen eines Zürcher Verhörprotokolls vom Dezember 1639 (Philipp Wälchli u. a. [Hg.], Täufer und Reformierte im Disput, S. 56) in der sprachlichen Qualität, denn die neuen Ausgaben des 17. Jahrhunderts verfälschten ihrer Ansicht nach den Sinn. Diese kritische Haltung der Täufer erwuchs nicht aus einer traditionell-konservativen Verpflichtung gegenüber der Bibel der Vorväter, sondern beruhte auf philologisch soliden Argumenten.

3. Prager Nachdruck des Froschauer Testaments und die Hutterer

Der erste Nachdruck eines Neuen Testaments (NT) von Froschauer außerhalb der damaligen Eidgenossenschaft erschien 1570 in Prag. Gemäss Titelblatt handelt es sich dabei um die Wiedergabe „nach der alten trantzlation / so im 33 Jar durch Christoffel Froschawer zu Zuerich außgangen“. Vermutlich ist mit der „alten trantzlation“ eine Textfassung gemeint, die vor der erwähnten Adamschen Bibelrevision Ende der 1530er Jahre gedruckt worden war. Vorlage für das Prager-NT 1570 war das Froschauer-NT 1533. Während die Zürcher Ausgabe als Sedez-Bändchen erschien, präsentiert sich das Prager-NT im Quartformat. Ausserdem ist das Deutsch eine Spur moderner bzw. einem deutschen Zielpublikum angepasster, wobei man bereits für das 1533er NT im Hinblick auf den deutschen Markt Schweizer Idiome und Dialektausdrücke zu vermeiden suchte. Auffällig ist auch, dass der apokryphe Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Laodicäa aufgenommen wurde, wie das bereits bei der Wormser Bibel von 1529 der Fall war. In der Prager Ausgabe folgt nach den Paulusbriefen der besagte Brief an die Laodicäer und darauf der Hebräerbrief, während in der Zürcher Tradition der Hebräerbrief zwischen den Johannesbriefen und dem Jakobusbrief steht. Darüber hinaus werden in der Prager Version mehr Parallelstellen angeführt als in der Zürcher. Als Drucker wird auf dem Titelblatt der 1618 verstorbene Georg Datzicky (Dačický) genannt, über den nicht viel bekannt ist. Er scheint unabhängig von der Religionszugehörigkeit alles gedruckt zu haben, was Geld brachte. Als Auftraggeber für den Druck dieses Prager-NT wurden zurecht die Hutterer vermutet, die auch Kontakte nach Zürich unterhielten.

4. Täuferische Nachdrucke der Froschauer-Testamente

Nicht nur die Hutterer Osteuropas (→Hutterische Bruderhöfe), sondern auch Pilgram →Marpeck (vgl. Vorrede zur Testamenterleütterung, Augsburg, 1551, f. IIIv), gewisse süddeutsche und schweizerische Täufer zogen die Froschauer-Bibeln anderen Übersetzungen vor. Kein Wunder deshalb, dass die Täufer um Nachdrucke der Froschauer-Bibeln, vor allem des Neuen Testaments, besorgt waren. In der Literatur sind, nebst dem bereits besprochenen Prager-NT, zwölf deutsche Täufertestamente beschrieben worden. Es bedarf weiterer Forschungsarbeit, um genauere Aussagen machen zu können, welche Froschauer-Bibel oder welches Froschauer-NT jeweils als Vorlage diente. Allen gemeinsam ist u.a., dass sie in Apostelgeschichte 7,6 die Aufenthaltsdauer Israels in Ägypten mit 430 Jahren anstatt, wie es richtig wäre, mit 400 Jahren wiedergeben. Ein Fehler, der in Zürich erst im Zusammenhang mit der erwähnten Bibelrevision von 1539 korrigiert wurde. Somit haben alle täuferischen Nachdrucke eine Froschauer-Bibel bzw. ein Froschauer-NT zum Vorbild, das vorher gedruckt worden ist. Zu den in unterschiedlicher Kombination auftretenden typischen Erkennungsmerkmalen von Täufertestamenten gehören zudem: Der Wortlaut der Titelei ist gleich oder ähnlich wie bei den Froschauer-NT, auf dem Titelblatt findet sich die Druckermarke der Basler Druckerei Brylinger (drei Löwen mit Sanduhr) in Verbindung mit dem Druckort Basel oder Frankfurt und Leipzig, und das „Vaterunser“ aus Matthäus 6 verfügt an drei Stellen über einen speziellen Wortlaut, der in keinem Froschauer-NT anzutreffen ist. Anstelle von „Dein Reich komme“ ist zu lesen „Zukum uns dein reych“, „führe uns nicht in Versuchung“ wird passivisch ausgedrückt „lass uns nit ingefuehrt werden in versuchung“ und die Doxologie „denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“ fehlt. Trotz der Bemühungen verschiedener Autoren kann nicht beantwortet werden, woher diese eigenartige Version des Herrengebets kommt. Eigenartigerweise findet sie sich bereits im 1503 in Basel gedruckten Manuale curatorum predicandi von Ulrich Surgant (f. 80r): „Vatter unser / der du bist in himeln / geheiliget wird din nam. Zu kumm uns din rych. Din will geschech als imm himel und imm erdrych. Unser teglich brot gib uns hüt. Und vergib uns unser schulden / als und wir vergeben unseren schuldeneren. Und nit laß uns ingefuert werden in versuchung. Sunder erloeß uns von übel: Amen.“

Das erste Täufertestament, das alle drei genannten Merkmale des „Vaterunsers“ vereinigt, stellt das 1579 in der Basler Druckerei von Nikolaus Brylingers Erben erschienene NT in Sedez dar. Von diesem seltenen Büchlein sind zwei Exemplare bekannt, das eine befindet sich im Besitz der UB Basel und das andere in der Mennonite Historical Library in Goshen (Indiana). 1588 erschien bei Leonhart Ostein ein textlich weitgehend identisches NT. Ostein benutzte als Nachfolger Brylingers dessen Druckermarke weiter. Von diesem NT in Sedez ist nur das Exemplar der UB Basel bekannt. 1599 veröffentlichte Ludwig König in Basel ein weiteres Täufertestament, ebenfalls in Sedez, von dem weltweit drei Stück beschrieben worden sind. Aus der Korrespondenz zwischen dem Basler und dem Berner Rat von 1730 geht hervor, dass auch 1647 ein Basler Nachdruck eines Froschauer-Testaments erschienen sein soll, doch konnte bis heute kein entsprechender Druck entdeckt werden.

Weit bekannter ist das Täufertestament in Oktav, das auf Kosten des Buchbinders Hieronymus Schwarz von Hans Jacob Werenfels 1687 in Basel gedruckt worden ist und das dem Basler NT von 1579 sehr nahe steht. Während der Seitenumbruch bei beiden identisch ist, unterscheiden sie sich geringfügig in Orthographie, Parallelstellen und Zeilenfall. Von den 1000 gedruckten Exemplaren sind nur noch vier greifbar. Drei befinden sich in der Schweiz, nämlich in der Stadtbibliothek Zofingen, im Täuferarchiv von Jeanguisboden sowie in der Zentralbibliothek Zürich und eines in der New York Public Library. Einen weiteren Nachdruck in Oktav veröffentlichte Johann Jakob Genath 1702 in Basel. Vorlage war nach einer Stellungnahme Genaths gegenüber dem Rat ein von Froschauer gedruckter Bibeltext in Quarto. Die Auflage belief sich auf 1500 Stück, jedoch ist nur ein Exemplar erhalten geblieben (in Privatbesitz, als Dauerleihgabe einsehbar in der Mennonite Historical Library, Goshen College, Indiana).

Drei weitere Täufertestamente erschienen ohne Druckort und -jahr, eines mit 755 Seiten, eine anderes mit 684 Seiten und schliesslich eines mit 550 Seiten. Möglicherweise entspricht eine dieser Ausgaben dem Täufertestament, das der Basler Drucker Hans Conrad von Mechel ohne Angabe von Ort, Drucker und Jahr herausgab und das die Berner Behörden 1730 beschäftigte, war doch derartige Sektenliteratur auf ihrem Territorium verboten. 1737, 1790 und 1825 wurden weitere Nachdrucke von Froschauer-Testamenten veröffentlicht, die auf dem Titelblatt die Druckermarke Brylingers und die Angabe des Druckorts „Frankfurt und Leipzig“ kombiniert aufweisen. In diesen beiden Städten fanden alternierend die wichtigsten Buchmessen des deutschsprachigen Raumes statt, so dass diese Druckortangabe wohl lediglich davon ablenken wollte, dass es sich hierbei um verbotene oder mindestens regional verbotene Literatur handelte. Das Wasserzeichen (Basler Bischofsstab) deutet darauf hin, dass auch diese „Frankfurt und Leipzig“-Testamente in Basel gedruckt worden sein könnten. Exemplare der undatierten sowie der 1737, 1790 und 1825 gedruckten Täufertestamente sind sowohl in schweizerischen wie auch nordostamerikanischen Bibliotheken nicht selten anzutreffen.

Die Nachfrage nach Froschauer-Testamenten blieb auch in der Neuen Welt bestehen, weshalb 1787 in der Druckerei des radikalpietistischen Klosters Ephrata, das vom umstrittenen deutschen Mystiker Conrad Beissel gegründet worden war, ein NT erschien, das sich im Kolophon als Nachdruck eines Froschauer- bzw. Täufertestaments zu erkennen gibt: „Vormals verschiedene mal gedruckt zu Zuerch [sic!], Basel und Frankfurt und Leipzig; jezt aber in Ephrata auf kosten der Brueder, Jm Jahr 1787.“ Über die Auftraggeber und die Motive, die zu diesem Druck führten, können nur Vermutungen angestellt werden. Es ist auch nicht bekannt, welcher Text als mögliche Vorlage gedient haben könnte. Zudem ist es das einzige deutsche Täufertestament, das über eine Verszählung verfügt, was sonst nur von holländischen Täufertestamenten ab 1558 bekannt ist. Das Ephrata-Testament ist in den Bibliotheken Europas selten anzutreffen. In der Schweiz besitzt lediglich die Zentralbibliothek der Universitätsbibliothek Bern ein unvollständiges Exemplar, wohingegen in den USA über zwanzig Stück nachgewiesen sind.

5. Täuferische Nachdrucke der Froschauer-Vollbibeln

Nachdrucke von Froschauer-Vollbibeln kamen unter täuferischen Gruppen wohl aus Kostengründen weit weniger vor. 1744 erschien in Strassburg ein Nachdruck der Foliobibel von 1536, die unter den Täufern deshalb speziellen Anklang fand, weil die stellenweise antitäuferischen Randglossen der Ausgabe von 1531 weggelassen worden sind. Gedruckt wurde die Bibel vom Kanzlei-Buchdrucker Simon Kürssner III., der die Druckerei 1734 von Simon Kürssner II. erbte. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass Simon Kürssner III. mit irgendeiner Täufergruppe in Verbindung stand, sondern es scheint, dass er damit, wie schon Dačický in Prag, lediglich einen für ihn interessanten Auftrag erledigte. 1975 unternahmen Altmennoniten und Hutterer Nordamerikas einen Nachdruck dieser Strassburger Bibel, was auf den Stellenwert hinweist, den die Froschauer-Bibel bis heute unter gewissen täuferischen Gruppen einnimmt.

Literatur (Auswahl)

Traudel Himmighöfer, Die Zürcher Bibel bis zum Tode Zwinglis (1531) - Darstellung und Bibliographie. Veröffentlichungen des Instituts für europäische Geschichte Mainz, Bd. 154, Mainz 1995. - Hans Rudolf Lavater, Die Froschauer-Bibel 1531, in: Christoph Sigrist (Hg.): Die Zürcher Bibel von 1531. Entstehung, Verbreitung und Wirkung, Zürich 2011, 64-141. - Urs B. Leu, Die Froschauer-Bibeln und die Täufer. Die Geschichte einer Jahrhunderte alten Freundschaft, in: Mennonitica Helvetica 28/29, 2005/2006, 47-88. - David Luthy, Census of German Bibles and Bible Portions Printed by Christoph Froschauer and Known to Have Come to North America, in: Pennsylvania Mennonite Heritage 30/4, 2007, 2-13. - Martin Rothkegel, The Hutterian Brethren and the Printed Book: A Contribution to Anabaptist Bibliography, in: Mennonite Quarterly Review 74, 2000, 51-85. - Philipp Wälchli, Urs B. Leu und Christian Scheidegger (Hg.), Täufer und Reformierte im Disput. Texte des 17. Jahrhunderts über Verfolgung und Toleranz aus Zürich und Amsterdam, Zug 2010.

Urs. B. Leu

 
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