Laienprediger

Die christliche Kirche kennt Laienprediger seit ihrer Entstehung. Die Bezeichnung „Laienprediger“ (vom gr. laos, das Volk, oder laikos, dem Volk gehörend) ist aber erst im Laufe der weiteren Kirchengeschichte entstanden, und die Bedeutung des Laienpredigertums für die Kirche war oft heftigen Schwankungen ausgesetzt. In der Geschichte der →Mennoniten waren Laienprediger besonders wichtig. Auch in der Gegenwart sind sie in den Mennonitengemeinden unentbehrlich, selbst wenn nicht immer klar ist, wie ein Laie ausgestaltet sein muss, um der Gemeinde als Prediger dienen zu können.

1. Historische Beobachtungen

In der christlichen Urgemeinde gab es keine Trennung zwischen Priestern und Laien. Alle Gemeindeglieder waren mit dem Heiligen Geist begabt (1. Kor. 12, 13), und alle waren „Priester“ (Eph. 4). Alle waren berufen, das Evangelium zu verkünden, je nach den Fähigkeiten, die sie besaßen. Im Leib Christi gab es keine Laienprediger; alle Gemeindeglieder wurden beauftragt, im Geist Christi Zeugnis für das neue Leben abzulegen, nicht nur Prediger oder Predigerinnen.

Die Situation änderte sich mit der Entwicklung der christlichen Theologie, besonders mit der Lehre von den Sakramenten. Schon im 2. Jahrhundert begann sich ein Amtsverständnis herauszubilden, das der Kirche und dem Gottesdienst feste Strukturen gab. Es wuchs die Einsicht, dass Bischöfe und Priester unentbehrlich waren, um die Kirche nach dem Willen Gottes zu verwalten und den Gottesdienst zu gestalten. Besonders der theologisch rechtmäßige Vollzug des Abendmahls verlangte nach der Einsetzung eines geweihten Priesters. Ihm wurde auch die Verantwortung für die Predigt auferlegt. Der Ausbau des Amtsverständnisses führte schließlich im 12. Jahrhundert zu einer Trennung zwischen Amtsträgern und dem Volk der Kirche, d. h. den Laien. Die Laien wurden von der Verwaltung der Sakramente und vom Predigtdienst ausgeschlossen (Corpus Iuris Canonici c. 12, q. 1, c. 7; 1. Ökumenische Lateransynode 1123). Im Jahre 1215 belegte die 4. Lateransynode Laien, die ohne Erlaubnis des Bischofs predigten, mit dem Bann.

Die →Täufer des 16. Jahrhunderts führten ein laizistisches Kirchenwesen ein (→Ekklesiologie) und knüpften folglich auch an die altkirchliche Tradition der Laienpredigt an. Das geschah auf dem Hintergrund einer wachsenden antiklerikalen Haltung gegenüber geweihten, gebildeten, aber allzu oft korrupten, pflichtvergessenen, unmoralisch lebenden Priestern. Unter den Täufern sollte aber alles anders und ein →Priestertum aller Gläubigen verwirklicht werden. Der Unterschied zwischen Priestern und Laien wurde aufgehoben und die Leitung der Kirche dem frommen Laien, dem eigentlichen homo religiosus als dem Gegentyp zum untauglichen Priester übertragen. Jetzt sollte die Kirche nicht mehr von der Hierarchie des Klerus her definiert werden, sondern allein vom Laien her. „Der Laie ist das ganze Gegenteil vom Priester. Er verhält sich anders, er denkt anders, er handelt anders, aber nicht irgendwie anders, sondern Zug um Zug genau entgegengesetzt zum Priester, der in Ungnade gefallen ist“ (Hans-Jürgen Goertz, Menno Simons 1496-1561. Eine biographische Skizze, 17; Menno Simons und die frühen Täufer, S. 58). Die Laien fingen an zu predigen bzw. die Heilige Schrift vor der Gemeinde auszulegen.

Auch wenn zahlreiche frühe Täuferführer ehemalige Mönche und Priester waren, die eine höhere Bildung genossen hatten, brachen sie mit ihrem Vorleben als irrende Priester. Sie wollten keinem geweihten Stand mehr angehören und kein obrigkeitlich verordnetes Amt mehr ausüben, sondern aus dem Volk heraus ihre Dienste für das Volk der Kirche anbieten. Sie verfügten zwar immer noch über ihre Bildung, waren gelehrt und in der Lage, Flugschriften und Traktate über den Glauben der Täufer zu veröffentlichen, aber in den Gemeinden spielte eine solche Bildung keine Rolle mehr. Eher wurde erwartet, dass die Berechtigung zu Predigen nicht auf einem Universitätsstudium gründete, sondern dem Eifer für das Wort, der Liebe zur Gemeinde und der Bereitschaft zum Leiden um Jesu Christi willen entsprang. Natürlich dienten diese Prediger ohne feste Besoldung und mussten sich den Lebensunterhalt auf andere Weise verdienen. Der Priester Menno →Simons selbst war nach seinem „Ausgang aus dem Papsttum“ ein Wanderprediger ohne feste Anstellung oder Besoldung; Pilgram →Marpeck, der viele Täufer um sich sammelte und betreute, war hauptberuflich ein Ingenieur.

Im Mennonitentum ist an dieser Tradition der Laienpredigt im Großen und Ganzen festgehalten worden. Die Abneigung gegen eine höhere theologische Bildung und gegen eine bezahlte Anstellung der Prediger charakterisierte die täuferisch-mennonitische Berufungspraxis in Deutschland und der Schweiz bis in das 20. Jahrhundert hinein. Die Gründung einer theologischen Seminars 1735 in Amsterdam führte zwar zunächst zu einer verbesserten theologischen Bildung von Predigern, dann aber auch zunehmend zu bezahlten Predigern oder Pfarrern in den Niederlanden. In Deutschland hatten die Stadtgemeinden seit dem 19. Jahrhundert häufiger studierte und immer häufiger besoldete Prediger angestellt, während die Landgemeinden in Westpreußen, Baden und Württemberg am Laienpredigertum festhielten.

In Nordamerika verlief der Prozess etwas anders. Hier fehlten mennonitischen Erziehungsinstitutionen. und die Herausforderungen des Siedlerlebens auf dem Lande zögerten die Anstellung von theologisch gebildeten und besoldeten Predigern bis ins späte 19. Jahrhundert hinaus. Während heute die Mehrzahl der nordamerikanischen Mennonitengemeinden von besoldeten Predigern verfügen, werden die konservativeren mennonitischen Gruppen und erst recht die →Amischen von (weniger ausgebildeten) Laienpredigern versorgt.

2. Definition

Christian Neff hat Laienprediger als die Prediger definiert, „die, ohne theologische Vorbildung aus der Gemeinde heraus zum Predigtamt berufen und erwählt, ihr Amt ohne feste Besoldung ausüben“ (Christian Neff, Art. Laienprediger, S. 605). Diese Definition ist auch heute im Wesentlichen gültig, muss aber abgeändert werden.

Die zwei wichtigsten Elemente, die in einer Definition von Laienpredigern eine Rolle zu spielen scheinen, sind die theologische Bildung und das Fehlen eines Anstellungsverhältnisses mit passender Besoldung. Männer oder Frauen werden aus der Gemeinde heraus berufen, um zu predigen. Sie werden aber nicht als hauptamtliche Prediger oder Predigerinnen eingesetzt, d. h. es wird nicht daran gedacht, sie als Angestellte der Gemeinde zu engagieren und ihnen ein Gehalt zu zahlen. In der Regel wird ein hauptamtlicher Prediger, der von außerhalb der Gemeinde und durch Auswahlverfahren gewählt wird, schon studiert haben - an einer Universität oder an einer mennonitischen Erziehungsinstitution im In- oder Ausland. Doch da der Zugang zum (theologischen) Studium seit der Mitte des letzten Jahrhunderts offener ist als früher, können sich heute auch Laienprediger ein umfangreiches theologisches Wissen aneignen. Sie können heute auch genauso gut ausgebildet sein wie hauptamtliche Prediger. Insofern muss die Bildung (oder der Mangel an Ausbildung) nicht mehr unbedingt als ein Kriterium für die Definition von Laienpredigern gelten. Laienprediger sind deshalb heute als Gemeindeglieder zu definieren, die berufen sind zu predigen, ohne von der Gemeinde fest angestellt zu sein und ohne ein Gehalt für ihre Predigertätigkeit zu erhalten.

3. Praxis

Eine statistische Erhebung aus dem Jahr 1992 (Diether Götz Lichdi, Mennonitisches Jahrbuch 1992, S. 83-87) ergab, dass in 73 Gemeinden in Deutschland 44 hauptamtliche Prediger und 183 Predigende (d. h. Laienprediger) ihren Dienst versahen. Das Verhältnis dürfte heute noch ähnlich sein. Dafür sind mehrere Gründe zu nennen: Viele Gemeinden sind klein und nicht in der Lage, selbst einen hauptamtlichen Prediger zu entlohnen. Es wird viel Wert darauf gelegt, die Vielfalt der theologischen Aussage zur Geltung zu bringen, die von verschiedenen Predigenden gewährleistet ist. Weiterhin können Laienprediger als eine notwendige Hilfe für den hauptamtlichen Prediger eingesetzt werden, z. B. bei der Versorgung auswärtiger Predigtstellen oder als Reiseprediger. Andere Gründe dafür spiegeln das täuferisch-mennonitische Erbe der Gemeinden wider: das Bewusstsein, dass Prediger nicht mit einem „Amt“ beauftragt, sondern zum „Dienst“ berufen werden (→Amt), die immer noch hohe Wertschätzung des →allgemeinen Priestertums, Reste des Antiklerikalismus, die sich in einer Abneigung gegen hochgebildete Prediger und Predigerinnen Ausdruck verschafft.

Unerlässlich für die Tätigkeit eines Laienpredigers ist die Berufung durch die Gemeinde. Sie muss die Eignung der entsprechenden Person für den Dienst erkennen und bestätigen. Sprachliche Gewandtheit, theologisches Wissen, die Nähe zu den Bedürfnissen der Gemeindeglieder, die Bereitschaft, die notwendige Zeit für den Dienst zu finden, und das Bewusstsein einer göttlichen Berufung zu diesem Dienst sind Faktoren, die bei der Berufung durch die Gemeinde eine Rolle spielen. Die Bestätigung der Berufung geschieht dann in einem Gottesdienst unter Gebet, Segen und möglicherweise auch Handauflegung durch einen oder mehrere Älteste (die wiederum Laien sein können oder hauptamtliche Pfarrer).

Laienprediger sind berufen zu predigen (→Predigt). Der Stil dieser Predigten spiegelt oft die Berufssituation des Laienpredigers wider, wie diese Predigten den ethischen Herausforderungen des Arbeitslebens oft mit Ermahnungen begegnen, die sich eng, gelegentlich auch gesetzlich an Aussagen der Bibel halten und die Zuhörer zu ethischem Perfektionismus bewegen wollen. Mehr als die Sprache der akademisch ausgebildeten Berufsprediger entspricht die Sprache der Predigt dem Bildungsniveau der Gemeindeglieder und kann eine stark biblisch geprägte, über den Zeiten stehende Färbung annehmen. Gelegentlich kann sie auch Begriffe und Redewendungen der gebildeten, professionellen Rede übernehmen und dadurch ein wenig beflissen wirken. Je nach Gemeindesituation können Laienprediger auch Taufunterricht erteilen und taufen, das Abendmahl austeilen oder bei Trauungen und Beerdigungen mitwirken. In Gemeinden mit einer starken Ältestentradition bleiben diese besonderen Dienste gewöhnlich dem hauptamtlichen Prediger vorbehalten.

Bibliografie

Hans-Jürgen Goertz, Menno Simons 1496-1561. Eine biographische Skizze, Hamburg 1995, 14-15. - Ders., Menno Simons - Von Babylon nach Jerusalem, in: ders., Menno Simons und die frühen Täufer, Bolanden 2011, 58. - Ders., Religiöse Bewegungen in der frühen Neuzeit, München 1993, 15-16. - Peter J. Foth, Ein kurzer Gang durch die Geschichte der Mennonitengemeinde zu Hamburg und Altona im 20. Jahrhundert, und Die Prediger unserer Gemeinde, in: Festschrift der Mennonitengemeinde aus Anlaß der 75-Jahr-Feier der Mennonitenkirche in Hamburg-Altona, 1990, 3-24; 55-57. - Christian Hege, Art. Laien, in: Mennonitisches Lexikon, Bd. 2, 1937, 604-605. - Diether Götz Lichdi, Allgemeines Priestertum und Laienpredigt, in: Die Brücke. Mennonitisches Gemeindeblatt 2, 1986, 1 f. - Ders., Geschwister dienen der Gemeinde, in: Mennonitisches Jahrbuch 1992, 9-12. - Ders., Mitarbeiter und Veranstaltungen, in: Mennonitisches Jahrbuch 1992, 83-87. - Elfriede Lichdi, Laienpredigerdienst - Schwierigkeiten und Chancen, in: Die Brücke, Mennonitisches Gemeindeblatt 2, 1986, 20. - Christian Neff, Art. Laienprediger, in: Mennonitisches Lexikion, Bd. 2, 1937, 605. - Ciska Stark, De vermaning:doopsgezinde liturgie en lekenpreken, in: Sisca Stark und Erik Jan Tillema (Hg.), Kracht van een minderheid. Doopsgezinden in Nederland. Zoetermeer 2011, 109-136. - Siegfried Thiessen, 21 Jahre lang Laienprediger, in: Die Brücke, Mennonitisches Gemeindeblatt 2, 1986, 19. - Oskar Wedel, Laienprediger - ein Wort, das es nicht geben dürfte?, in: Die Brücke, Mennonitisches Gemeindeblatt 2, 1986, 23.

Dennis L. Slabaugh

 
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