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Reublin, Wilhelm

geb. ca. 1490 in Rottenburg am Neckar, Württemberg, gest. ca. 1559 in Znaim, Mähren; radikaler Anhänger Martin Luthers und Ulrich Zwinglis, Mitbegründer der Täuferbewegung.

Wilhelm Reublin studierte Theologie in Freiburg und Tübingen ohne nachweisbaren Abschluss. Er gehörte zum akademischen Proletariat, obwohl eine Zeitlang eine Pfründe der badischen Pfarrei Griessen seinen Lebensunterhalt deckte. Als er 1521 zum Leutpriester der Basler Gemeinde St. Alban gewählt wurde, war er Parteigänger →Luthers. In kurzer Zeit stellte er sich an die Spitze der Reformfreunde, wurde aber nach Tumulten 1522 ausgewiesen.

In →Zürich schloss er sich den radikalen Anhängern der Reformation an und predigte in den ländlichen Filialkirchen des Grossmünsters (Witikon, Zollikon). Ende 1522 wählten die Witikoner Bauern Reublin als Pfarrer bei gleichzeitiger Zehntverweigerung mit dem Ziel einer besseren pastoralen Betreuung und als Auftrag für die lokale Gemeinde, in allen Kirchenfragen direkt selbstverantwortlich zu handeln (→ Gemeindereformation). Im bäuerlichen Umfeld Zürichs thematisierte er den Zölibat ( als erster Priester in der Eidgenossenschaft heiratete er öffentlich), das Fastengebot, das Mönchtum, die Messe, und schon Anfang 1524 predigte er in Witikon gegen die Kindertaufe. Im Bibellesekreis um den Zürcher Buchhändler Andreas Castelberger knüpfte er Kontakte mit Gleichgesinnten, die in gemeinsamem Bibelstudium Wege aus der Krise suchten. An der Disputation vor dem Zürcher Rat am 17. Januar 1525 verteidigte er, zusammen mit Konrad → Grebel und ⇒ Felix Mantz, die Erwachsenentaufe (→Taufe). Weil ein Mandat am folgenden Tag die Kindertaufe gebot, vollzogen die Radikalen innerhalb einer Woche die Erwachsenentaufe auf Grund eines persönlichen Bekenntnisses: Das war der Beginn der Schweizer Täuferbewegung (→Täufer/Täuferische Bewegungen). Als einer der führenden Prototäufer und „Fremder“ wurde Reublin des Landes verwiesen.

Johannes Brötli, ehemals Pfarrhelfer von Zollikon, und Reublin resignierten nicht, sie wählten Hallau im schaffhausischen Klettgau zum Zentrum ihrer täuferischen Missionstätigkeit. Reublin knüpfte Beziehungen zu Schaffhausen (Sebastian Hofmeister) und Waldshut am Oberrhein, wo er den gelehrten Stadtpfarrer Dr. ⇒ Balthasar Hubmaier an Ostern 1525 taufte, der alsbald eine Täufergemeinde von etwa dreihundert durch ihn getauften Mitgliedern begründete. Während Brötli eigenmächtig zum Pfarrer von Hallau gewählt wurde, reiste Reublin unermüdlich im schwäbisch-schweizerischen Grenzland umher in der Hoffnung auf eine täuferische Massenbewegung, die im Umkreis des →Bauernkrieges immer neue Nahrung gewann, wobei er persönlich jede Gewaltanwendung ablehnte. Der Ausgang des Krieges machte ihn wieder zum Flüchtling.

In den nächsten vier Jahren (1526-1529) gründete Reublin als wandernder „Apostel“ Täufergemeinden in den hohenbergischen Städten Rottenburg und Horb sowie in den Reichsstädten Reutlingen und Esslingen. Orientierungshilfe in unsicherer Zeit war die „Brüderliche Vereinigung“ von Schleitheim (24. Februar 1527), verfasst von ⇒ Michael Sattler und Wilhelm Reublin als Berater und vielleicht Koautor (→Schleitheimer Artikel). Die sieben Artikel handeln von Taufe, Bann, Abendmahl, Absonderung, Hirtenamt, Obrigkeit und Eid. Sie waren kein Bekenntnis im dogmatischen Sinn, sondern eine Anleitung zur streng biblischen Lebensgestaltung ausserhalb der bürgerlichen und staatlichen Ordnung und ein wegweisender ekklesiologischer Paradigmenwechsel (Volkskirche - Freikirche). Das Konzept von Schleitheim, insbesondere die Profilierung des Hirtenamtes, fand in der Schweiz und Süddeutschland starke Verbreitung und überlebte die Jahrhunderte. Reublins Missionstätigkeit endete in →Strassburg (1528/29), wo er, in Gefangenschaft, zusammen mit Jakob Kautz ein Glaubensbekenntnis verfasste, worin sie den Bundesbegriff zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Theologie machten, denn der Bund ergibt sich folgerichtig aus der Wiedergeburt, die in der Taufe ausgedrückt ist. Der Rat lehnte eine Disputation ab und verbannte Reublin, der zusammen mit seiner Frau nach →Mähren entwich (1530).

In Austerlitz, wo sich eine kommunitäre Täufergemeinde gebildet hatte, gab er wegen seines Führungsanspruchs Anstoss zur Gemeindespaltung und Sezession. Anfangs 1531 gründete er mit 250 Anhängern eine Gemeinde in Auspitz auf der Grundlage einer rigorosen →Gütergemeinschaft und unter der Leitung durch einen von göttlichem Geist inspirierten Vorsteher, wurde aber wegen heimlichen Geldbesitzes ausgeschlossen. Nach einem kurzen Abstecher in seine alte Heimat kehrte er nach Mähren zurück und wohnte fortan arm und isoliert in Znaim. Im Schutz einer fragilen religiösen Toleranz hielt er sich still, ohne sein täuferisches Erbe zu verleugnen, pflegte aber nur lose Beziehungen zur kleinen Täufergemeinde in der Stadt. Mit Zürich hielt er gelegentlichen Kontakt, als Nachrichtenträger für Heinrich → Bullinger, als Bittsteller und Vermittler in Erbsachen (Zürich und Krakau). 1554 scheiterte er mit dem Versuch, Aufnahme in Basel zu finden, er galt immer noch als gefährlich. Die letzte Nachricht datiert von 1559, als Reublin dem nach Augsburg reisenden Kaiser Ferdinand I. mehrere Supplikationen wegen seines väterlichen Erbes in Rottenburg überreichte. Ehe seine wahre Identität und Religionszugehörigkeit aufgedeckt werden konnte, starb er vermutlich 1559.

Wegleitend war für Reublin das reformatorische Schriftprinzip, mit dem er sich einerseits von der katholischen Kirche löste, andererseits den Weg zum Täufertum rechtfertigte, deren eloquentester, wenn auch nicht originellster Wortführer er wurde. Als Rebell und Provokateur trat er an gegen die „Herrschenden“ in Staat und Kirche, als Täuferführer der ersten Stunde, erfüllt von einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein, suchte er die Idealform christlichen Lebens nach dem Vorbild der Apostel. An diesem Ziel hielt er fest, auch nach vielen Enttäuschungen und Niederlagen.

Quellen

Leonhard v. Muralt und Walter Schmid (Hg.), Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz, Bd.1, Zürich 1956. - Emil Egli (Hg.), Actensammlung zur Geschichte der Zürcher Reformation in den Jahren 1519-1533, Zürich 1879. –Huldreich Zwinglis sämtliche Werke, hg. von Emil Egli u.a., Zürich 1905 ff. - Heinold Fast (Hg.), Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz, Bd. 2: Ostschweiz, Zürich 1973.- Manfred Krebs und Hans Georg Rott (Hg.), Quellen zur Geschichte der Täufer, VII. Band: Elsass, I. Teil. Stadt Strassburg 1522 - 1532, Heidelberg 1959. - Mira Baumgartner (Hg.), Die Täufer und Zwingli. Eine Dokumentation. Zürich 1993 (modernisierte Texte).

Literatur

James M. Stayer, The Revolutionary Beginnings of Swiss Anabaptism, in: Marc Lienhard (Hg.), The Origins and Characteristics of Anabaptism, The Hague 1977, 83-102. - Martin Haas, Der Weg der Täufer in die Absonderung. Zur Interdependenz von Theologie und sozialem Verhalten. In: Hans-Jürgen Goertz (Hg.), Umstrittenes Täufertum, 2. Aufl., Göttingen 1977, 50-78. - James M. Stayer, Wilhelm Reublin. Eine pikareske Reise durch das frühe Täufertum. In: Hans-Jürgen Goertz (Hg.), Radikale Reformatoren, München 1978, 93-102. - Werner O. Packull, Die Hutterer in Tirol. Frühes Täufertum in der Schweiz, Tirol und Mähren, Innsbruck 2000. - Andrea Strübind, Eifriger als Zwingli. Die frühe Täuferbewegung in der Schweiz, Berlin 2003. - Urs B. Leu, Das Schleitheimer Bekenntnis 1527. Einleitung, Faksimile, Übersetzung und Kommentar, Zug 2004. - C. Arnold Snyder, The Birth and Evolution of Swiss Anabaptism (1520 - 1530), in: Mennonite Quarterley Review LXXX, 4, 2006, 501-645. - C. Arnold Snyder, Swiss Anabaptism: The Beginnings. In: John D. Roth und James M. Stayer (Hg.), A Companion to Anabaptism and Spititualism 1521 - 1700, Leiden 2007, 45-82. - James M. Stayer, Swiss-South German Anabaptism, in: John D. Roth und James M. Stayer, Companion, 83-118. - Urs B. Leu, Christian Scheidegger (Hg.), Die Zürcher Täufer 1525 - 1700, Zürich 2007. - Hans-Jürgen Goertz, Radikalität der Reformation. Aufsätze und Abhandlungen (Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte, Bd. 93), Göttingen 2007. - Peter Bührer, Wilhelm Reublin: Radikaler Prediger und Täufer. In: Mennonitische Geschichtsblätter, 63. Jg., 2008, 181-232.

Peter Bührer

 
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