Yoder, John Howard

geb. am 29. Dezember 1927 in der Nähe von Smithville, Ohio, USA, gest. am 30. Dezember 1997 in South Bend, Ind., USA; Theologe.

John H. Yoder war der Sohn von Howard C. und Ethel (geb. Good) Yoder. Er wuchs in der Oak Grove Mennonite Church auf und lebte seit seinem siebten Lebensjahr in der nahe gelegenen Stadt Wooster. Yoders Familie kann sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits auf eine Reihe einflussreicher Leiter der Mennonite Church über mehrere Generationen zurückblicken. Bereits in seinen frühen Jahren zeigte sich, dass er über außergewöhnliche, besonders intellektuelle Gaben verfügte. Zur Zeit seines Todes, Ende Dezember 1997, war er zweifellos der einflussreichste mennonitische Theologe, den es je gab. Allgemein gesehen war er auch einer der bedeutendsten Lehrer christlicher Ethik im 20. Jahrhundert.

John H. Yoder nahm sein Studium am Goshen College, einer akademischen Einrichtung der Mennnoniten (Mennonite Church) in Indiana, USA, 1945 auf und wuchs in eine wichtige Aufbruchszeit hinein. Kurz zuvor wurde ⇒ Guy F. Hershbergers War, Peace and Nonresistance (1944) veröffentlicht, und wohl noch bedeutsamer ⇒ Harold S. Benders Anabaptist Vision, die berühmte Ansprache Benders aus Anlass der Übernahme der Präsidentschaft der American Society of Church History (1944). Über Jahrhunderte hin wurde die täuferische Bewegung des 16. Jahrhunderts in ein unvorteilhaftes Licht gestellt. Benders Ansprache, die das Täufertum einer neuen Interpretation unterzog, half, wieder zur Nachfolge Christi, christlicher Gemeinschaft, Gewaltlosigkeit und gegenseitiger Hilfe unter einer neuen Generation der Mennoniten zu inspirieren. Die akademisch Gebildeten unter den Mennoniten regte sie auch an, sich um die Erforschung der täuferischen Ursprünge der konfessionellen Gemeinschaft zu bemühen. Zu diesem Zweck hatte Bender 1927 die Mennonite Quarterly Review gegründet, eine wissenschaftliche Zeitschrift, die ein Forum für seriöse Forschungsbeiträge zum Täufertum des 16. Jahrhunderts und zu zeitgenössischem Leben und Theologie der Mennonitengemeinden darstellten sollte.

John H. Yoder war unter denjenigen, die sich anregen ließen, ihrer Kirche und durch sie auch der Welt zu dienen. Im April 1949 nahm er einen Auftrag des →Mennonite Central Committee in Frankreich an. Zunächst sollte er sich um die Jugendarbeit kümmern und den französischen Mennoniten helfen, ihr Friedenszeugnis zu beleben. Bald aber bestand Yoders tägliche Arbeit auch darin, dass er zunächst ein und dann zwei Kinderheime zu betreuen hatte. Er musste Ernährung, Schutz und Heimstätten für die Kinder beschaffen, die aufgrund des Krieges zu Waisen geworden waren. Darüber hinaus arbeitete er auch im medizinischen Dienst innerhalb der mennonitischen Gemeinden in Frankreich. In einer Geschichte der französischen Mennoniten heißt es über Yoder, dass „nur wenige Männer einen so tiefgreifenden Einfluss auf die Veränderung der Kirchen in der Nachkriegszeit ausgeübt haben dürften“. Ebenso war Yoder seit seiner Ankunft in Frankreich an ökumenischen Diskussionen in westeuropäischen Ländern über das Problem des Friedens beteiligt, vor allen an den →Puidoux Theological Conferences mit Vertretern evangelischer Landeskirchen und historischer Friedenskirchen. Er hat diese Konferenzen maßgeblich inspiriert und geleitet.

Während er noch für das MCC arbeitete, schrieb Yoder sich 1950 als Gaststudent an der Universität Basel ein, 1954 wurde er ordentlicher Student. Er studierte bei zahlreichen „Leuchten“ an der Basler Universität, bei Professoren wie Walter Eichrodt und Walter Baumgartner im Fach des Alten Testaments, bei Oscar Cullmann im Fach des Neuen Testaments, bei Karl Jaspers in Philosophie und [Barth, Karl|Karl Barth]] in Dogmatik. Yoder hatte fünf Vorlesungen bzw. Seminare und fünf Kolloquien bei Barth belegt, obwohl Barth nicht der Betreuer seiner theologischen Dissertation war. Mit seiner Dissertation, die er unter der Anleitung von Ernst Staehelin über die Gespräche zwischen den Reformatoren und den Täufern in der Schweiz während des frühen 16. Jahrhunderts schrieb, wurde er 1962 an der Theologischen Fakultät der Universität Basel cum laude promoviert. Gleichzeitig mit der Dissertation entstand die dogmengeschichtliche Untersuchung Täufertum und Reformation im Gespräch (1968).

Die Vorträge und Aufsätze, die Yoder während seines Europaaufenthalts verfasste, haben für vielerlei in seiner Lebensarbeit Grund gelegt. Er schrieb über Reinhold Niebuhr, Karl Barth, über das christliche Zeugnis gegenüber dem Staat, über ökumenische Beziehungen und die „Politik des Messias“. Am 12. Juli 1952 heiratete Yoder die französische Mennonitin Anne Marie Guth. Zwischen 1953 und 1969 wurden ihnen sieben Kinder geboren, von denen sechs die Kindheit überlebten. 1957 kehrte Yoder mit seiner Familie in die USA zurück. Die Arbeit an der Dissertation war zwar beendet, doch die Promotion wurde erst mit der Veröffentlichung der Dissertation 1962 vollzogen. Während der ersten Jahre, in denen er mit seiner Familie in Nordamerika lebte, arbeitete er im Gemüseanbau seiner elterlichen Familie. Zwischen 1958 und 1959 nahm er eine Lehrvertretung am Goshen College wahr. Seit Herbst 1959 arbeitete er vollzeitlich als Verwaltungsassistent für die Überseemission am Mennonite Board of Missions (MBM) in Elkhart, Indiana. Seit Beginn dieser Arbeit suchte er Verbindung mit evangelikalen Kirchenführern, der National Association of Evangelicals und dem National Council of Churches. Über eine Zeit von mehr als zwanzig Jahren arbeitete Yoder in verschiedenen Positionen mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen zusammen. Von 1965 bis 1970 war er beigeordneter Ratgeber des MBM.

In der Zeit von 1960 bis 1965 war Yoder mit einem Teilzeitauftrag in der Lehre an den Associated Mennonite Biblical Seminaries in Elkhart betraut worden. 1965 wurde er als vollzeitig beschäftigter Professor an diesen Seminaren angestellt. Dort blieb er bis 1977. Von 1970 bis 1973 war er auch Präsident des Goshen Biblical Seminary (eines der beiden miteinander verbundenen mennonitischen Seminare) und Dean (Dekan) derselben Einrichtung im Schuljahr 1972-1973. Seit l967 nahm Yoder einen Lehrauftrag an der katholischen University of Notre Dame (Indiana) wahr, während das Goshen Biblical Seminary einen Teil seiner Zeit bis Frühjahr 1984 von der University of Notre Dame abkaufte. Vom Herbst 1984 bis zu seinem Tod Ende 1997 lehrte Yoder offiziell nur noch an der University of Notre Dame. Während der 1970er Jahre nahm er Gastprofessuren in Argentinien (1970/71), Frankreich (1974/75) und Jerusalem (1975/76) wahr. Auch führten ihn Vortragsreisen in mehr als zwanzig Länder, gleichfalls unterrichtete er in kurzen Intensivkursen an drei akademischen Einrichtungen in drei Ländern. Seine fließenden Sprachkenntnisse in Französisch, Deutsch und Spanisch halfen ihm dabei sehr.

Yoder schrieb mehrere hundert Aufsätze in fünf Sprachen und siebzehn Bücher. Das Kernstück seines Denkens befindet sich in sechs seiner Bücher: For the Nations, The Royal Priesthood, The Priestley Kingdom, Nevertheless, The Christian Witness to the State und The Politics of Jesus. The Politics of Jesus wurde in zwölf Sprachen übersetzt, in mehr als 100 000 Exemplaren verkauft und hat viele Christen, wissenschaftlich gebildete und andere, beeinflusst. Jim Wallis, der Herausgeber des Sojourners schreibt: „John Yoder inspirierte eine ganze Generation von Christen, dem Weg Jesu in soziale Aktion und Friedensarbeit zu folgen“. J. Philip Wogaman nannte Yoder in seinem Buch Christian Ethics: A Historical Introduction als einen unter einer Handvoll „tonangebender christlicher Moraldenker“ im 20. Jahrhundert.

Die meiste Zeit während seiner letzten sechs Jahre gestaltete sich sein Leben ziemlich schwierig. Es begann damit, dass Yoder im Juni 1992 einem Disziplinarverfahren der Mennonite Church ausgesetzt wurde, die ihm sexuelles Fehlverhalten vorwarf. Yoder war in diesen Prozess vier Jahre lang verwickelt. Im Sommer 1996 wurde dieses Verfahren erfolgreich beendet. Die Church Life Commission und die Indiana-Michigan Mennonite Conference ließen verlautbaren, dass sie Yoder und die Kirche ermutigt hätten, „seine Begabung im Schreiben und Lehren zu nutzen“. Im Semester vor seinem Tod hielt er wieder ein Seminar am Associated Biblical Seminary ab.

Yoder starb am 30. Dezember 1997. Seine Wirkung ist seither größer, als sie vorher war. Seine einst veröffentlichten und noch nicht veröffentlichten Aufsätze finden weiterhin ihren Weg in die jüngsten Veröffentlichungen; und immer mehr Beiträge, Aufsatzsammlungen und Monographien werden veröffentlicht, die sich mit Yoders Denken beschäftigen, sowohl Magisterarbeiten als auch Dissertationen. Mehr noch: Sein Einfluss umspannt inzwischen die ganze Welt.

1993 meinte Stanley Hauerwas: „Wenn Christen auf dieses Jahrhundert der Theologie in Amerika zurückschauen wird die Politik Jesu als ein neuer Anfang angesehen werden.“ In einem Vorwort zu einer neueren Sammlung von Yoder-Aufsätzen behauptet Michael Gorman, ein bedeutender Neutestamentler, dass Yoder „die Landschaft zweier theologischer Disziplinen neu gestaltet hat“: der theologischen Ethik und der biblischen Exegese. Das Herzstück seines Projekts, das Yoder auf die Formel „the politics of Jesus“ brachte, ist einfach zu beschreiben, aber doch tiefgründig in seinen Implikationen. Es ist der Anspruch, dass das Evangelium von Jesus Christus, nämlich die Erlösung durch Christus, durch und durch politisch oder sozial sei. Als Erlösung erinnert sie daran, dass es dabei um Gottes erlösende Tat in der Welt durch die Person Jesu als des Messias geht. Dass sie sozial ist, wird auf zentrale Weise durch den Leib Christi verwirklicht, dem in Christus erneuerten Volk, das aufgerufen ist, Zeugnis für das kommende Reich Gottes abzulegen. Dass es ein Zeugnis ist, bedeutet, dass wir die Quelle unserer Erlösung benennen, wenn wir danach trachten, unserem Glauben an unseren Herrn in unserem Leben gemeinsam Gestalt zu geben und unseren Nachbaren und sogar unseren Feinden konkret und tatkräftig mit Liebe zu begegnen. So wird die Ekklesiologie zur Sozialethik, und die Sozialethik erhält in der Kirche ihre Konkretion. Yoder brachte das in dem Satz zum Ausdruck, dass „die Verantwortung der Kirche gegenüber und für die Welt vor allem und für immer darin besteht, Kirche zu sein“.

Werke (Auswahl)

Täufertum und Reformation in der Schweiz. Die Gespräche zwischen Täufern und Reformatoren 1523 - 1538. Weierhof l962. - Täufertum und Reformation im Gespräch. Dogmengeschichtliche Untersuchung der frühen Gespräche zwischen Schweizerischen Täufern und Reformatoren. Zürich l968. - Englische Ausgabe beider Bücher zu den Täufergesprächen: Anabaptism and Reformation in Switzerland. An Historical and Theological Analysis of the Dialogues Bewteen Anabaptists and Reformers. Kitchener, ON, 2004. -The Christian Witness to the State. North Newton 1962/1977 (Reprinted: Scottdale, PA 2002). - The Politics of Jesus, 2. Aufl., Grand Rapids, MI, 1994. - Die Politik Jesu - der Weg des Kreuzes, Maxdorf 1981. - The Priestly Kingdom. Notre Dame, IN: University of Notre Dame Press, 1984 (Reprinted, with a new foreword by S. Hauerwas, 2001). - The Royal Priesthood. Essays Ecclesiological and Ecumenical. Scottdale, PA, und Waterloo, ON, 1998. - For the Nations. Essays Public & Evangelical. Grand Rapids, MI, 1997.

Bibliographie: A Comprehensive Bibliography of the Writings of John Howard Yoder, in:Mennonite Quarterly Review 71, 1997, 93-145.

Literatur

Jeremy M. Bergen und Anthony G. Siegrist (Hg.), Power and Practices:Engaging the Work of John Howard Yoder. Scottdale, PA, 2009. - Richard Bourne, Seek the Peace of the City: Christian Political Criticism as Public, Realist, and Transformative. Eugene, OR, 2009. - Carter, Craig A., The Politics of the Cross: The Theology and Social Ethics of John Howard Yoder. Grand Rapids, MI, 2001. - Peter Dula and Chris K. Huebner (Hg.), The New Yoder. Eugene, OR, 2010.- Stanley Hauerwas, The Nonresistant Church: The Theological Ethics of John Howard Yoder, in: Vision and Virtue. Notre Dame, IN, 1981. - Stanley Hauerwas, Chris K. Huebner, Harry J. Huebner und Mark Thiessen Nation (Hg.), The Wisdom of the Cross: Essays in Honor of John Howard Yoder. Grand Rapids, MI, 1999 (Reprinted 2005). - Cynthia Hess, Sites of Violence, Sites of Grace: Christian Nonviolence and the Traumatized Self. Lanham, MD, 2008. - Hanspeter Jecker (Hg.), Jesus folgen in einer pluralistischen Welt. Impulse aus der Arbeit John Howard Yoders. Weisenheim am Berg 2001. - Mark Thiessen Nation, John Howard Yoder: Mennonite Patience, Evangelical Witness, Catholic Convictions. Grand Rapids, MI, 2006. - John Nugent (Hg.), Radical Ecumenicity: Pursuing Unity and Continuity after John Howard Yoder. Abilene, TX, 2010. - Ben C. Ollenberger und Gayle Gerber Koontz (Hg.), A Mind Patient and Untamed: Assessing John Howard Yoder’s Contributions to Theology, Ethics and Peacemaking. Telford, PA, 2004. - Mark Thiessen Nation, John Howard Yoder: Mennonite Patience, Evangelical Witness, Catholic Convictions. Grand Rapids, MI, 2006. - Earl Zimmerman, Practicing the Politics of Jesus: The Origin and Significance of John Howard Yoder’s Social Ethics. Telford, PA, 2007.

Mark Thiessen Nation

 
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